Kaum ein Bereich der christlichen Theologie zeigt den schöpferischen Umgang des Paulus mit älteren Traditionen deutlicher als seine Deutung des Abendmahls.
Bis heute gilt die Feier von Brot und Wein als eines der zentralen Kennzeichen des Christentums. Doch die historisch-kritische Forschung weist darauf hin, dass zwischen dem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern und der späteren sakramentalen Eucharistie eine bemerkenswerte Entwicklung liegt.
Diese Entwicklung ist eng mit der paulinischen Theologie verbunden.
Nach den ältesten Überlieferungen feierte Jesus kurz vor seiner Verhaftung ein gemeinsames Mahl mit seinen Jüngern. - Ob es sich dabei tatsächlich um ein Passahmahl handelte oder um ein gewöhnliches Abschiedsmahl, wird bis heute diskutiert.
Unabhängig von dieser Frage besteht jedoch weitgehend Einigkeit darüber, dass gemeinsame Mahlzeiten im Wirken Jesu eine herausragende Rolle spielten: Jesus aß mit Zöllnern, Sündern und gesellschaftlich Ausgegrenzten. Das gemeinsame Essen war Ausdruck der Gemeinschaft und zugleich Vorausbild des erwarteten Reiches Gottes.
Seine Mahlgemeinschaften waren keine kultischen Rituale. Sie waren gelebte Verkündigung. Auch das letzte Mahl dürfte ursprünglich in diesem Zusammenhang gestanden haben.
Es war vermutlich weniger die Stiftung eines neuen Sakraments als vielmehr die symbolische Verdichtung seiner Hoffnung auf das unmittelbar bevorstehende Reich Gottes.
Bemerkenswerterweise stammt die älteste schriftliche Beschreibung des Abendmahls nicht aus einem Evangelium. Sie findet sich im ersten Korintherbrief. Damit begegnen wir erneut einem überraschenden Befund:
Unsere älteste Quelle über die
Einsetzungsworte Jesu stammt von Paulus.
Er schreibt:
„Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe …“
Anschließend folgen die bekannten Worte über Brot und Kelch. Die Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas greifen diese Tradition später auf. Besonders auffällig ist dabei die nahezu wörtliche Übereinstimmung zwischen Paulus und Lukas. Dies spricht dafür, dass beide auf eine bereits bestehende liturgische Überlieferung zurückgriffen.
Ob Paulus diese Formel unmittelbar durch eine Vision „vom Herrn“ empfing oder – wie viele Exegeten annehmen – aus der gottesdienstlichen Praxis der frühen Gemeinden übernahm, lässt sich historisch nicht entscheiden.
Seine eigene Sprache legt jedoch nahe, dass er hier eine bereits bestehende Überlieferung weitergibt.
Der Anlass für diese Ausführungen war keineswegs eine dogmatische Lehrdiskussion. Paulus reagierte vielmehr auf einen konkreten Missstand in der Gemeinde von Korinth. Dort wurde das Herrenmahl noch als gemeinsames Sättigungsmahl gefeiert. - Doch während wohlhabende Gemeindemitglieder reichlich Speisen und Wein mitbrachten, gingen ärmere Christen häufig leer aus.
Das gemeinsame Mahl, das die Einheit der Gemeinde sichtbar machen sollte, machte stattdessen ihre sozialen Unterschiede deutlich.
Paulus kritisiert dieses Verhalten ungewöhnlich scharf. Er erinnert die Gemeinde daran, dass Brot und Kelch nicht bloß gewöhnliche Speisen seien, sondern auf den Tod Christi verweisen. Wer diese Feier missbrauche, versündige sich am Leib und Blut des Herrn.
Damit erhält das bisherige Gemeinschaftsmahl eine neue theologische Tiefe.
Hier setzt eine der folgenreichsten Entwicklungen der christlichen Theologie ein:
Während die Mahlgemeinschaft Jesu vor allem die kommende Gottesherrschaft veranschaulichte, verbindet Paulus Brot und Wein ausdrücklich mit dem Opfertod Christi. - Die Feier blickt nun nicht mehr allein auf das kommende Reich Gottes voraus.
Sie erinnert zugleich an das Kreuz: Aus einer gemeinsamen Hoffnung wird eine gemeinsame Erinnerung.
Diese Verschiebung mag zunächst gering erscheinen. Ihre Folgen reichen jedoch bis in die Gegenwart. Denn aus dem gemeinschaftlichen Mahl entwickelt sich schrittweise das Sakrament der Eucharistie.
Mit dieser neuen Deutung verbindet Paulus den Tod Jesu zunehmend mit Vorstellungen stellvertretender Sühne. - Ob sämtliche Elemente dieser Theologie bereits von ihm selbst stammen oder teilweise älteren Jerusalemer Traditionen entnommen wurden, wird unterschiedlich beurteilt. Unstrittig ist jedoch, dass Paulus diese Gedanken so konsequent entfaltet wie kein anderer frühchristlicher Autor.
Das Kreuz erscheint nun als Heilsgeschehen für die gesamte Menschheit. Nicht das Scheitern eines Propheten steht im Mittelpunkt, sondern Gottes Handeln zur Versöhnung der Welt.
Diese Interpretation wurde später zu einem Grundpfeiler der christlichen Dogmatik.
An dieser Stelle wird bis heute intensiv diskutiert, welche kulturellen Einflüsse auf Paulus wirkten.
Seine Wurzeln lagen unbestreitbar im Judentum. Seine gesamte Argumentation greift immer wieder auf die Hebräische Bibel zurück. - Zugleich war Paulus jedoch in Tarsus aufgewachsen und bewegte sich selbstverständlich innerhalb der griechisch-römischen Welt.
Viele Religionshistoriker weisen deshalb darauf hin, dass seine Sprache und Symbolik gelegentlich Parallelen zu den Mysterienkulten des Hellenismus erkennen lassen. Auch dort spielten heilige Mahlzeiten eine wichtige Rolle, in denen die Gläubigen ihre Gemeinschaft mit einer Gottheit symbolisch feierten.
Solche Ähnlichkeiten bedeuten jedoch nicht zwangsläufig eine direkte Übernahme. Gemeinsame religiöse Ausdrucksformen können sich auch unabhängig voneinander entwickeln oder auf ähnliche menschliche Erfahrungen reagieren.
Dennoch erscheint es wahrscheinlich, dass Paulus seine Verkündigung in einer Sprache formulierte, die Menschen der hellenistischen Welt leichter verstehen konnten.
Die eigentliche Neuerung liegt daher vermutlich nicht im Brot oder im Wein. - Auch nicht in der gemeinsamen Mahlfeier. Neu war vielmehr ihre Deutung.
Paulus verband eine bereits bestehende Mahltradition mit seiner umfassenden Kreuzestheologie. Dadurch erhielt das Herrenmahl eine Bedeutung, die weit über eine gemeinsame Erinnerung an Jesus hinausging. Es wurde zum sichtbaren Zeichen der Erlösung durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus.
Damit war eine Entwicklung angestoßen, die später in den verschiedenen Eucharistielehren der christlichen Kirchen ihren theologischen Höhepunkt finden sollte.