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3. Ist paulinische Theologie originär?

Erfinder einer neuen Theologie                 oder Erbe älterer Traditionen?

Nachdem wir den Umfang des Corpus Paulinum kennengelernt haben, stellt sich zwangsläufig eine entscheidende Frage:

 

„Wie originell war die Theologie des Paulus eigentlich?“

 

Hat Paulus das Christentum nahezu im Alleingang neu erfunden? Oder griff er auf bereits bestehende Überlieferungen zurück?

 

Lange Zeit wurde Paulus sowohl von seinen Bewunderern als auch von seinen Kritikern beinahe als einsamer Schöpfer der christlichen Theologie betrachtet. Die neuere neutestamentliche Forschung zeichnet jedoch ein wesentlich differenzierteres Bild.

 

Heute spricht vieles dafür, dass Paulus keineswegs bei null begann. – Vielmehr übernahm er eine Reihe bereits vorhandener Bekenntnisse, liturgischer Formeln und theologischer Traditionen aus den ältesten Gemeinden und entwickelte sie weiter.

 

Seine eigentliche Leistung bestand deshalb vermutlich weniger im Erfinden neuer Glaubensinhalte als vielmehr darin, vorhandene Überlieferungen zu einem geschlossenen theologischen Gesamtsystem zusammenzuführen. Gerade darin liegt seine historische Bedeutung.

 

Er war nicht der erste Christologe. - Er war der erste große Systematiker der christlichen Theologie.

Paulus selbst bestätigt seine Abhängigkeit

Bemerkenswerterweise stammt der deutlichste Hinweis darauf aus seinen eigenen Briefen: Im fünfzehnten Kapitel des ersten Korintherbriefes schreibt Paulus:

 

„Denn ich habe euch vor allem überliefert, was auch ich empfangen habe …“

 

Dieser unscheinbare Satz gehört zu den wichtigsten Quellen der gesamten neutestamentlichen Forschung.

 

Im griechischen Original verwendet Paulus die Verben paralambánein („empfangen“) und paradidónai („überliefern“). Beide Begriffe gehören zur festen Fachsprache der jüdischen Lehrtradition. Sie bezeichneten die möglichst unveränderte Weitergabe autoritativer Überlieferungen von einem Lehrer an seinen Schüler.

 

Paulus erklärt damit ausdrücklich, dass der Kern seiner Verkündigung nicht von ihm selbst stammt.

 

Er versteht sich an dieser Stelle nicht als Erfinder neuer Glaubenslehren, sondern als Überlieferer einer bereits bestehenden Tradition.

Das älteste christliche Glaubensbekenntnis

Unmittelbar anschließend zitiert Paulus eine kurze Bekenntnisformel:

 

„Christus ist für unsere Sünden gestorben, wurde begraben, ist am dritten Tage auferweckt worden und erschien dem Kephas und danach den Zwölf.“

 

Nahezu alle neutestamentlichen Fachleute gehen heute davon aus, dass dieses Bekenntnis bereits vor Paulus existierte. Viele datieren seinen Ursprung auf wenige Jahre nach der Kreuzigung Jesu. – Damit gehört dieser kurze Text vermutlich zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen des christlichen Glaubens überhaupt.

 

Paulus hat ihn nicht geschaffen. – Er hat ihn übernommen.

Das Christuslied im Philipperbrief

Ein ähnlicher Befund begegnet uns im zweiten Kapitel des Philipperbriefes. Dort findet sich das berühmte Christuslied:

 

„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein …“

 

Sprache, Rhythmus und Aufbau unterscheiden sich deutlich vom übrigen Brief. Deshalb vermuten viele Forscher, dass Paulus hier einen bereits bestehenden Hymnus zitiert, der möglicherweise im Gottesdienst einer frühen judenchristlichen Gemeinde gesungen wurde.

 

Ob dieses Lied bereits wenige Jahre nach Jesu Tod entstand oder erst später, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit entscheiden.

 

Einigkeit besteht jedoch weitgehend darin, dass Paulus auch hier auf ältere Traditionen zurückgreift.

Auch der Römerbrief könnte                   ältere Bekenntnisse bewahren

Ein weiterer interessanter Kandidat findet sich gleich zu Beginn des Römerbriefes. Dort beschreibt Paulus Jesus als Nachkommen Davids nach dem Fleisch und als Sohn Gottes in Kraft seit seiner Auferweckung.

 

Mehrere sprachliche Besonderheiten unterscheiden diese Verse vom übrigen Brief. Deshalb vermuten zahlreiche Exegeten, dass Paulus hier ebenfalls eine bereits bestehende Bekenntnisformel übernommen und lediglich leicht an seinen Brief angepasst hat.

 

Sicher beweisen lässt sich diese Annahme zwar nicht. Sie fügt sich jedoch gut in das Gesamtbild eines Paulus ein, der vorhandene Traditionen bewusst in seine eigene Argumentation integriert.

Zwei Strömungen innerhalb                       des frühen Christentums

Aus diesen Beobachtungen ergibt sich ein bemerkenswerter Befund: Bereits in den ersten Jahrzehnten nach Jesu Tod existierte offenbar keine völlig einheitliche Theologie. Vielmehr lassen sich mindestens zwei unterschiedliche Schwerpunkte erkennen:

 

Die erste Strömung entwickelte sich in den Gemeinden, welche die Überlieferung der Worte Jesu bewahrten. Im Mittelpunkt standen seine Gleichnisse, seine Ethik, seine Sozialkritik und seine Verkündigung des unmittelbar bevorstehenden Reiches Gottes.

 

Diese Tradition spiegelt sich besonders deutlich in der rekonstruierten Quelle Q wider.

 

Daneben entwickelte sich eine zweite Richtung, die ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf Tod, Auferstehung und die heilsgeschichtliche Bedeutung Jesu richtete. Aus ihr erwuchs jene Christologie, die Paulus später systematisch entfaltete.

Beide Strömungen standen keineswegs völlig gegeneinander. Sie beantworteten jedoch unterschiedliche Fragen.

 

Während die eine fragte:

  • Wie lebte und lehrte Jesus?

fragte die andere:

  • Welche Bedeutung hat Jesus für das Heil der Welt?

Paulus als theologischer Architekt

Gerade hier beginnt die eigentliche Leistung des Paulus: Er übernahm zahlreiche Bausteine aus den ältesten Gemeinden, und er verband sie zu einem Denkgebäude von erstaunlicher Geschlossenheit.

 

Begriffe wie Gnade, Rechtfertigung, Evangelium, Glaube, Versöhnung, Leib Christi oder Leben im Geist werden bei ihm erstmals in einen umfassenden theologischen Zusammenhang gestellt.

 

Dadurch entstand eine Sprache, welche die christliche Theologie bis heute prägt. – Paulus war deshalb vermutlich weder der Erfinder des Christentums noch lediglich ein treuer Traditionsbewahrer. Er war vielmehr dessen erster großer Architekt.

  • Die Fundamente waren bereits gelegt.
  • Den Bauplan entwarf jedoch Paulus.

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