Wer die Worte Jesu mit den Briefen des Paulus vergleicht, bemerkt rasch deutliche Unterschiede:
Diese Unterschiede haben manche Forscher zu der Behauptung veranlasst, Paulus habe die Botschaft Jesu grundlegend verändert.
Eine solche Schlussfolgerung greift jedoch zu kurz. Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Warum unterscheiden sich beide überhaupt?
Jesus wirkte fast ausschließlich im ländlich geprägten Galiläa und in Judäa. Seine Zuhörer waren überwiegend Bauern, Fischer, Handwerker und Tagelöhner. Sie lebten unter römischer Besatzung, litten unter hoher Steuerlast und hofften auf das baldige Eingreifen Gottes.
Vor diesem Hintergrund verkündigte Jesus das nahe Reich Gottes. Seine Botschaft war unmittelbar auf die Lebenswirklichkeit dieser Menschen bezogen.
Paulus bewegte sich dagegen in einer völlig anderen Welt. Er reiste durch die großen Städte des östlichen Mittelmeerraums – Antiochia, Ephesus, Philippi, Thessalonich, Korinth und schließlich Rom. Seine Gemeinden bestanden überwiegend aus Menschen griechisch-römischer Kultur. Sie kannten weder die jüdische Tradition noch die Erwartungen an den Messias in derselben Weise wie die Zuhörer Jesu.
Paulus musste die Botschaft daher in einen völlig neuen kulturellen Zusammenhang übersetzen.
Hinzu kommt ein zweiter Unterschied:
Inzwischen hatte sich die Situation grundlegend verändert.
Die Kreuzigung war erfolgt, die ersten Gemeinden waren entstanden, Die Mission unter Nichtjuden hatte begonnen.
Zugleich blieb die von Jesus erwartete Vollendung des Reiches Gottes aus. Die Christen mussten lernen, mit dieser neuen Situation zu leben. Paulus beantwortete deshalb Fragen, die sich zu Lebzeiten Jesu noch gar nicht gestellt hatten.
Diese Probleme bestimmten den Alltag seiner Gemeinden.
Hier zeigt sich die vielleicht folgenreichste Entwicklung des frühen Christentums.
Dieser Satz bedeutet nicht, dass Paulus Jesus widersprochen hätte. - Er beschreibt vielmehr eine Verschiebung des theologischen Schwerpunktes.
Während Jesus die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf Gottes kommendes Reich lenkte, richtete Paulus den Blick auf die Bedeutung der Person Jesu für das Heil der Menschheit. - Aus der Botschaft Jesu entwickelte sich schrittweise eine Botschaft über Jesus.
Diese Entwicklung prägt das Christentum bis heute.
Sowohl Jesus als auch Paulus rechneten mit einem baldigen Eingreifen Gottes. Dennoch unterscheiden sich ihre Perspektiven.
Jesus verkündigte das Reich Gottes als unmittelbar bevorstehende Wirklichkeit. Seine Gleichnisse vermitteln den Eindruck einer Hoffnung, die mitten im gegenwärtigen Leben Gestalt gewinnen sollte.
Paulus teilte zunächst dieselbe Naherwartung. Mehrfach schreibt er, dass die Wiederkunft Christi nahe bevorstehe. Im ersten Korintherbrief erklärt er:
„Die Zeit ist kurz."
Gerade deshalb empfiehlt er den Unverheirateten, möglichst unverheiratet zu bleiben. Nicht weil Ehe oder Sexualität grundsätzlich geringgeschätzt würden. Sondern weil angesichts des erwarteten Weltendes langfristige Lebensplanungen an Bedeutung verlieren. - Viele Aussagen des Paulus erschließen sich erst vor diesem Hintergrund.
Auch seine ethischen Mahnungen werden dadurch verständlicher. Paulus entwickelt keine allgemeine Moralphilosophie. Er gibt konkrete Ratschläge für Gemeinden, die sich auf die bald erwartete Wiederkunft Christi vorbereiten.
Seine Forderungen nach Enthaltsamkeit, gegenseitiger Rücksichtnahme oder geordnetem Gemeindeleben sind daher weniger Ausdruck einer grundsätzlichen Weltverneinung als vielmehr Konsequenzen seiner eschatologischen Erwartung. Zugleich übernimmt Paulus jedoch Einflüsse aus der hellenistischen Umwelt.
Begriffe wie Selbstbeherrschung, Besonnenheit und Disziplin erinnern teilweise an stoische Vorstellungen, ohne dass Paulus deshalb zum Stoiker würde. Er verbindet jüdische Frömmigkeit mit griechischer Denkweise zu einer eigenständigen christlichen Ethik.
Besonders deutlich zeigt sich dies im Umgang mit der bestehenden Gesellschaft:
Diese Haltung ist häufig als Anpassung oder sogar als Verrat an der ursprünglichen Botschaft Jesu kritisiert worden.
Eine solche Bewertung greift jedoch zu kurz. Paulus wusste, dass die kleinen christlichen Gemeinden innerhalb des Römischen Reiches kaum eine Chance gehabt hätten, wenn sie zugleich als politische Protestbewegung aufgetreten wären.
Sein Ziel bestand nicht darin, das Imperium zu stürzen. Er wollte den Gemeinden überhaupt erst das Überleben ermöglichen.
Seine Theologie war deshalb nicht nur Überzeugung. Sie war auch Ausdruck eines bemerkenswerten missionarischen Pragmatismus.
Rückblickend erscheinen Jesus und Paulus daher weniger als Gegenspieler denn als Vertreter zweier aufeinanderfolgender Entwicklungsphasen:
Beide beantworteten unterschiedliche Fragen. - Beide standen vor unterschiedlichen Herausforderungen.
Deshalb unterscheiden sich ihre Schriften: Nicht weil einer von beiden den anderen widerlegen wollte, sondern weil sich die historische Situation grundlegend verändert hatte.