Je berühmter eine historische Persönlichkeit ist, desto größer ist meist die Versuchung, ihr Leben mit Legenden auszuschmücken. Das gilt für Alexander den Großen ebenso wie für Buddha, Mohammed oder Jesus von Nazareth. Auch Paulus blieb davon nicht verschont.
Wer heute eine christliche Biographie über ihn liest, begegnet häufig einem Mann, dessen Lebenslauf scheinbar bis ins kleinste Detail bekannt ist: geboren in Tarsus, ausgebildet beim berühmten Rabbi Gamaliel, fanatischer Christenverfolger, durch ein blendendes Licht vor Damaskus bekehrt, anschließend rastloser Missionar bis zu seiner Enthauptung in Rom.
Historisch betrachtet ist dieses Bild jedoch wesentlich unschärfer.
Die moderne Bibelwissenschaft unterscheidet sorgfältig zwischen verschiedenen Arten von Quellen und fragt bei jeder einzelnen Überlieferung zunächst nicht, ob sie wahr ist, sondern welchen historischen Wert sie besitzt. Genau diese Vorgehensweise bildet das Fundament historisch-kritischer Forschung.
Erstaunlicherweise verfügen wir über eine Quelle, die außergewöhnlich zuverlässig erscheint: Paulus selbst.
Von Paulus sind dreizehn Briefe im Neuen Testament überliefert. - Doch nicht alle stammen tatsächlich von ihm.
Die überwältigende Mehrheit der heutigen Neutestamentler betrachtet lediglich sieben Briefe als zweifelsfrei authentisch. Sie entstanden zwischen etwa 50 und 60 n. Chr. und gehören damit zu den ältesten erhaltenen christlichen Schriften überhaupt.
Diese Briefe sind:
Diese Texte besitzen für Historiker einen unschätzbaren Wert. Sie wurden nicht Jahrzehnte später von Verehrern verfasst, sondern stammen aus der Feder des Paulus selbst. Natürlich verfolgt auch Paulus eigene theologische Ziele; dennoch erlauben seine Briefe einen unmittelbaren Blick auf seine Persönlichkeit, seine Gedankenwelt und seine Konflikte.
Aus ihnen erfahren wir beispielsweise, dass Paulus sich selbst als überzeugten Pharisäer verstand, dass er die Jesusbewegung zunächst leidenschaftlich bekämpfte, später eine Vision des auferstandenen Christus erlebte und sich anschließend als Apostel der nichtjüdischen Völker verstand.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur, was Paulus erzählt, sondern auch was er NICHT berichtet:
Diese Details stammen aus einer ganz anderen Quelle…
Etwa drei Jahrzehnte nach Paulus entstand ein weiteres Werk, das sein Leben ausführlich schildert: die Apostelgeschichte.
Sie stammt aus derselben Feder wie das Lukasevangelium und verfolgt ein klares theologisches Ziel. Der Verfasser möchte zeigen, wie sich die Botschaft Jesu – geführt vom Heiligen Geist – von Jerusalem bis in das Zentrum des Römischen Reiches ausbreitet.
Paulus wird darin zum idealen Helden dieser Entwicklung.
Die Apostelgeschichte liefert zahlreiche farbige Einzelheiten über sein Leben. Sie nennt seine Heimatstadt Tarsus, berichtet von seiner Ausbildung beim berühmten Gamaliel, beschreibt ausführlich das Damaskuserlebnis, seine Missionsreisen, Gerichtsverfahren, Schiffbruch und schließlich seine Gefangenschaft in Rom.
Gerade weil diese Erzählungen so anschaulich sind, begegnet ihnen die historische Forschung mit gesunder Skepsis.
Nicht weil der Verfasser absichtlich die Unwahrheit geschrieben hätte. Sondern weil antike Geschichtsschreibung grundsätzlich anders funktionierte als moderne Historiographie.
Historiker der Antike wollten nicht in erster Linie dokumentieren, sondern erklären. Reden wurden frei formuliert, Ereignisse literarisch ausgestaltet und Personen häufig idealisiert, um den tieferen Sinn der Geschichte sichtbar zu machen. – Deshalb vergleichen Historiker jede Aussage der Apostelgeschichte sorgfältig mit den authentischen Paulusbriefen.
Wer nun erwartet, römische Chronisten oder jüdische Historiker würden ausführlich über Paulus berichten, erlebt eine Überraschung: Sie schweigen nahezu vollständig.
Weder der römische Geschichtsschreiber Tacitus noch der jüdische Historiker Flavius Josephus erwähnen Paulus.
Dieses Schweigen wirkt zunächst erstaunlich. - Tatsächlich überrascht es Historiker jedoch kaum.
Zur Lebenszeit des Paulus war die Jesusbewegung eine winzige religiöse Minderheit innerhalb des Judentums. Die von Paulus gegründeten Gemeinden bestanden oft aus wenigen Dutzend Menschen und spielten für die große Politik des Römischen Reiches keinerlei Rolle.
Aus römischer Sicht war Paulus lediglich einer von zahllosen jüdischen Wanderpredigern, die in den östlichen Provinzen religiöse Diskussionen auslösten.
Erst Jahrhunderte später sollte sich zeigen, welche geschichtliche Dynamik von dieser kleinen Bewegung ausgehen würde.
Auch wenn zeitgenössische Berichte über Paulus fehlen, liefert die Archäologie wertvolle indirekte Bestätigungen.
Besonders bedeutend ist die sogenannte Gallio-Inschrift, die in Delphi entdeckt wurde. Sie nennt den römischen Statthalter Gallio, vor dem Paulus nach der Apostelgeschichte in Korinth erscheinen musste. Dadurch lässt sich ein wichtiger Abschnitt seines Lebens erstaunlich genau auf die Jahre 51 bis 52 n. Chr. datieren.
Auch andere archäologische Funde bestätigen Städte, Verwaltungsstrukturen und Personen, die Paulus erwähnt.
Sie beweisen zwar nicht seine Theologie. Aber sie zeigen eindrucksvoll, dass sich seine Tätigkeit in einem historisch gut fassbaren Umfeld abspielte.
Vergleicht man Paulus mit vielen anderen Persönlichkeiten der Antike, ergibt sich ein überraschendes Ergebnis:
Über kaum einen jüdischen Gelehrten des ersten Jahrhunderts wissen wir so viel wie über ihn.
Nicht deshalb, weil besonders viele Quellen existierten, sondern weil seine eigenen Briefe ein ungewöhnlich persönliches Bild zeichnen.
Sie zeigen keinen makellosen Helden, sondern einen leidenschaftlichen, streitbaren, manchmal schroffen und gelegentlich sogar widersprüchlichen Menschen.
Gerade diese Unmittelbarkeit macht sie für Historiker so glaubwürdig.
Der historische Paulus ist deshalb keine Legende. - Er ist das Ergebnis einer sorgfältigen Rekonstruktion aus Quellen unterschiedlicher Qualität – eine Rekonstruktion, die trotz aller offenen Fragen erstaunlich klar erkennen lässt, wer dieser außergewöhnliche Mann gewesen sein dürfte.