Ich möchte mit einer Frage beginnen, die zunächst mit Politik, Wirtschaft und Eigentum überhaupt nichts zu tun zu haben scheint:
Ich meine jetzt nicht als Deutsche oder Europäer. Nicht als Angehörige einer Nation, einer Religion oder einer sozialen Schicht. Ich meine UNS als Teil der Gemeinschaft von Lebewesen.
Die Antwort der Biologie ist ebenso nüchtern wie erstaunlich:
Alles heute bekannte Leben auf der Erde ist miteinander verwandt.
Bakterien, Pilze, Pflanzen, Tiere – und wir Menschen – gehen nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand auf eine gemeinsame frühe Abstammungsgemeinschaft zurück. Ihren letzten universellen gemeinsamen Vorfahren beziehungsweise die entsprechende Population bezeichnet man als LUCA – Last Universal Common Ancestor.
Wann LUCA lebte, lässt sich nicht auf ein bestimmtes Jahr datieren. Neuere Arbeiten verorten ihn möglicherweise bereits vor rund vier Milliarden Jahren oder sogar noch etwas früher. Entscheidend ist jedoch nicht die genaue Zahl.
Entscheidend ist:
Wir sind Verwandtschaft. Und das ist keine Metapher.
In nahezu jeder Zelle finden wir dieselben fundamentalen Prinzipien des Lebens: DNA und RNA, einen nahezu universellen genetischen Code, Ribosomen zur Herstellung von Proteinen, ATP als zentrale Energiewährung und weitgehend dieselben Aminosäuren als Bausteine der Proteine.
Der Grashalm vor unserem Haus ist uns unvorstellbar fern – und dennoch biologisch mit uns verwandt.
Wir alle sind verschiedene, über Milliarden Jahre auseinandergewachsene Zweige desselben Stammbaums.
Aus dieser Erkenntnis folgt etwas, das unserem kulturellen Selbstbild bis heute schwerfällt:
Die Evolution lief nicht auf uns zu.
Sie hatte kein Ziel namens Homo sapiens.
Wir sind nicht der Endpunkt einer kosmischen Aufwärtsentwicklung und schon gar nicht die naturwissenschaftlich begründbare „Krone der Schöpfung“.
Evolution kennt keine Krone. Sie kennt Variation, Vererbung, Selektion, Zufall, Kooperation, Konkurrenz, Anpassung und Aussterben.
Ein Bakterium ist nicht deshalb primitiver oder evolutionär „zurückgeblieben“, weil es keine Sinfonien komponiert. Es kann schlicht hervorragend an seine Umwelt angepasst sein.
Und auch wir sind kein fertiges Meisterwerk. Wir sind eine Momentaufnahme.
Unsere Existenz verdankt sich einer ungeheuren Kette historischer Bedingungen und Zufälle: geologischen Veränderungen, Klimaschwankungen, evolutionären Innovationen, Massenaussterben und zahllosen Mutationen.
Hätte der Asteroid, der vor etwa 66 Millionen Jahren das Ende der nicht-vogelartigen Dinosaurier mitverursachte, die Erde verfehlt, sähe die Geschichte der Säugetiere vermutlich anders aus.
Vielleicht gäbe es uns nicht. - Die Natur hätte dadurch nichts „falsch“ gemacht. Denn die Natur hatte uns nie geplant.
Genau hier beginnt für mich das eigentliche Paradox: Ein Tier, das selbst vollständig aus Natur hervorgegangen ist, begann irgendwann zu erklären:
Und schließlich:
Natürlich entstand Eigentum nicht an einem bestimmten Morgen der Menschheitsgeschichte. Auch Jäger-und-Sammler-Gesellschaften kannten persönliche Gegenstände, Nutzungsrechte, Territorien und soziale Regeln.
Aber mit der neolithischen Revolution geschah etwas Entscheidendes:
Ackerbau und Viehzucht machten Boden dauerhaft bewirtschaftbar. Vorräte konnten angelegt werden. Besitz konnte akkumuliert, vererbt und verteidigt werden. Aus der Verfügung über Ressourcen entstanden neue Formen gesellschaftlicher Macht und sozialer Ungleichheit.
Besitz wurde zunehmend zu Herrschaft.
Wer über Land, Nahrung und später Produktionsmittel verfügte, verfügte damit auch über die Lebensmöglichkeiten anderer Menschen.
Religionen haben dieses Verhältnis nicht erfunden. Aber sie konnten es legitimieren. Besonders folgenreich war im judäo-christlich geprägten Abendland die Vorstellung vom Menschen als einem Wesen, dem die übrige Schöpfung zur Verfügung gestellt worden sei.
Der berühmte biblische Auftrag, sich die Erde „untertan“ zu machen, ist zwar keineswegs die einzige mögliche Interpretation der Genesis. Moderne Theologien lesen ihn häufig als Auftrag zur Verantwortung und Bewahrung.
Historisch aber konnte er als Legitimation menschlicher Herrschaft über die Natur verstanden werden – und wurde auch so verstanden.
Später kam eine andere Macht hinzu: die Technik:
Francis Bacon, René Descartes und andere Denker der frühen Neuzeit stehen für einen tiefgreifenden Perspektivwechsel. Natur sollte nicht nur betrachtet, sondern erkannt, berechnet und technisch verfügbar gemacht werden.
Mit der Industrialisierung wurde daraus eine ungeheure materielle Macht.
Kohle, Öl, Dampfmaschine, Elektrizität, Chemie, Massenproduktion …
Und plötzlich konnte eine einzige Spezies innerhalb weniger Generationen Prozesse in Gang setzen, die Atmosphäre, Ozeane, Böden und Biosphäre des gesamten Planeten verändern.
Eigentum erfüllt wichtige Funktionen. Es schafft persönliche Autonomie, ermöglicht Vorsorge, schützt Privatsphäre und kann Menschen gegenüber staatlicher oder gesellschaftlicher Willkür unabhängig machen.
Das Problem ist deshalb nicht der Besitz der Zahnbürste, des Hauses, der Ersparnisse oder eines mittelständischen Betriebes.
Das Problem beginnt dort, wo Besitz eine Größenordnung erreicht, in der er mit persönlicher Lebensgestaltung kaum noch etwas zu tun hat.
Dann verwandelt sich Vermögen in etwas anderes:
in Macht.
Wer hundert Milliarden besitzt, lebt nicht hunderttausendmal besser als jemand, der eine Million besitzt. Er kann nicht hunderttausendmal besser essen, schlafen, lieben, reisen oder Musik hören.
Irgendwann ist der persönliche Nutzen zusätzlichen Vermögens nahezu erschöpft. Das Vermögen wächst trotzdem weiter. – Dann dient Kapital nicht mehr vorwiegend dazu, Bedürfnisse zu befriedigen.
Es dient dazu, weiteres Kapital zu erzeugen.
Und damit stellt sich eine Frage, die unsere Gesellschaft merkwürdig selten stellt:
Wozu eigentlich?
Was soll ein einzelner Mensch mit einem Vermögen anfangen, das er selbst bei größter Verschwendung niemals verbrauchen könnte?
Was sollen seine Kinder damit anfangen? – Seine Enkel? – Seine Urenkel?
Irgendwann wird aus der vernünftigen Vorsorge für kommende Generationen eine nahezu dynastische Akkumulation wirtschaftlicher Macht.
Das Problem daran ist nicht, dass jemand mehr besitzt als sein Nachbar. - Das Problem besteht darin, dass Ressourcen, Eigentumsrechte und Entscheidungsmöglichkeiten in einem Umfang konzentriert werden, der mit persönlichem Bedarf überhaupt nichts mehr zu tun hat.
Noch problematischer wird diese Konzentration aber, wenn wir den Blick vom oberen Ende der Vermögensverteilung zum unteren wenden. – Denn dort begegnen wir Menschen, die trotz Arbeit kaum Rücklagen bilden können.
Und damit verändert sich die moralische und politische Frage fundamental. Es geht nicht mehr nur darum, warum jemand hundert Milliarden besitzen darf. Es geht darum:
Wie kann eine reiche Gesellschaft gleichzeitig Überreichtum und Existenzangst hervorbringen – und beides anschließend als normales Ergebnis derselben Wirtschaftsordnung betrachten?
Armut in einer armen Gesellschaft kann Folge realer Knappheit sein. – Armut in einer hochproduktiven und reichen Gesellschaft ist etwas anderes.
Sie ist zumindest teilweise eine Verteilungsfrage.
Es fehlt dann nicht unbedingt an Lebensmitteln, Wohnungen, Energie, medizinischem Wissen oder Produktionskapazitäten.
Es fehlt Menschen am gesellschaftlich anerkannten Zugriff darauf. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Die Hochzeit des Milliardärs Jeff Bezos in Venedig bietet dafür ein beinahe groteskes Anschauungsbeispiel: Die Feierlichkeiten sollen einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag gekostet haben.
Natürlich kann man sagen: Es ist sein Geld! Und formal ist das richtig.
Aber genau deshalb lohnt sich die Frage, die hinter diesem Satz verborgen liegt.
Was bedeutet „sein Geld“, wenn ein einzelner Mensch über ein Vermögen verfügt, bei dem selbst die Ausgabe von zig Millionen Dollar seine wirtschaftliche Stellung praktisch nicht verändert?
Ein durchschnittlicher Mensch muss überlegen, ob er 5.000 Euro für eine Reise ausgeben kann.
Ein Milliardär kann 50 Millionen für eine Feier ausgeben, ohne anschließend in irgendeinem lebenspraktischen Sinne ärmer zu sein.
Das ist nicht mehr einfach der Unterschied zwischen einem kleinen und einem großen Geldbeutel.
Es sind unterschiedliche ökonomische Welten.
Und selbstverständlich hätte die Welt keinen Anspruch darauf, dass Jeff Bezos auf seine Hochzeit verzichtet.
Aber man darf fragen:
Was sagt eine Gesellschaft über ihre Prioritäten aus, wenn sie Vermögenskonzentrationen ermöglicht, bei denen der Luxusverbrauch eines einzelnen Menschen Summen verschlingen kann, mit denen sich für Tausende andere Menschen sehr konkrete Not lindern ließe?
Es geht dabei nicht um die Forderung, Milliardäre müssten fortan in Sack und Asche leben. Es geht um die Frage nach der Verhältnismäßigkeit.
Denn Reichtum existiert nicht im gesellschaftlichen Vakuum.
Extremer Reichtum und prekäre Armut sind deshalb nicht zwei voneinander unabhängige gesellschaftliche Phänomene.
Sie sind Ergebnisse derselben Verteilungsordnung.
Besonders auffällig wird dieser Widerspruch dort, wo Politik beginnt, gesellschaftliche Gruppen moralisch nach ihrer „Leistung“ zu beurteilen. Dann hören wir,…
Überstunden, Pflegearbeit, Schichtdienst, körperlicher Verschleiß oder jahrzehntelange Erwerbsbiografien geraten dabei schnell aus dem Blick.
Natürlich darf und muss eine Regierung über Produktivität, Arbeitsvolumen und Wettbewerbsfähigkeit sprechen. - Aber dann sollte der Leistungsbegriff konsequent angewandt werden.
Was ist eigentlich mit der Leistung derjenigen, die über Unternehmen entscheiden?
Wenn ein Arbeitnehmer schlechte Arbeit leistet, kann er seinen Arbeitsplatz verlieren.
Wenn eine Verkäuferin die Erwartungen ihres Unternehmens dauerhaft nicht erfüllt, wird sie kaum mit einem Millionengehalt verabschiedet.
Wenn aber hochbezahlte Unternehmensführungen strategische Entwicklungen verschlafen, technologische Veränderungen falsch einschätzen, Milliardeninvestitionen fehlsteuern oder notwendige Transformationen jahrelang verzögern, werden die Folgen häufig sozialisiert:
Und die Verantwortlichen?
Nicht selten bleiben ihre Privatvermögen unangetastet. – Und genau hier wird die Leistungsrhetorik fragwürdig.
Warum wird Leistung gegenüber Arbeitnehmern so gern moralisch eingefordert, während wirtschaftliche Macht ihre eigene Verantwortung erstaunlich häufig in „Marktbedingungen“, „Standortprobleme“ oder „globale Herausforderungen“ auflösen darf?
Wenn Leistung das Kriterium sein soll, dann bitte für alle:
Für Krankenpfleger*innen, für Verkäufe*rinnen, für Facharbeite*innen für Bürgergeldempfänger*innen soweit sie arbeitsfähig sind.
Aber eben auch für Vorständ*innen, Aufsichtsrät*innen, Großaktionär*innen und Eigentümer*innen.
Eine Gesellschaft, die unten Eigenverantwortung predigt und oben Fehlentscheidungen kollektiv absichert, hat kein Leistungsprinzip.
Sie hat ein Hierarchieprinzip.
Damit gelangen wir zu einem fundamentalen Widerspruch moderner Demokratien.
Kein Demokrat würde sagen:
Ein Bundeskanzler war besonders erfolgreich. Deshalb darf er künftig über 500 Stimmen im Bundestag verfügen.
Wir halten es für selbstverständlich, politische Macht aufzuteilen, zu kontrollieren und zu begrenzen.
Wir kennen Gewaltenteilung, Verfassungsgerichte, Wahlen, Kartellrecht, Kontrollinstanzen und zeitlich begrenzte Mandate.
Aber wenn ein einzelner Mensch wirtschaftliche Ressourcen anhäuft, die größer sind als die Wirtschaftsleistung mancher Staaten, nennen wir das häufig schlicht:
ERFOLG!
Warum?
Warum sollte ausgerechnet ökonomische Macht von jenem Prinzip ausgenommen sein, das wir bei jeder anderen Machtform für unverzichtbar halten?
Vielleicht liegt genau hier ein fundamentaler Widerspruch moderner Demokratien.
Wir demokratisieren die Staatsgewalt – und privatisieren einen erheblichen Teil gesellschaftlicher Macht.
Es wäre trotzdem zu einfach, nun den Kapitalismus zur Wurzel allen Übels zu erklären.
Marktwirtschaftliche Systeme haben enorme Produktivkräfte freigesetzt. Sie haben Innovationen ermöglicht, Wohlstand geschaffen und – zusammen mit Wissenschaft, Rechtsstaat, Sozialstaat und demokratischen Institutionen – für viele Menschen Lebensbedingungen ermöglicht, von denen frühere Generationen nur träumen konnten.
Aber Märkte haben kein Gewissen. Das ist kein moralischer Vorwurf. Ein Markt ist ein Koordinationsmechanismus. Er fragt nicht:
Der Markt verarbeitet Preise, Knappheiten, Erwartungen und Zahlungsbereitschaft. Und genau deshalb darf eine Gesellschaft ihre Moral nicht an den Markt delegieren.
Der Markt kann verteilen, was zahlungsfähig nachgefragt wird. Er kann nicht entscheiden, was Menschen zusteht.
Wenn jemand kein Geld für eine Wohnung besitzt, lautet die ökonomische Information zunächst lediglich: Fehlende Zahlungsfähigkeit.
Für eine humane Gesellschaft lautet die Information dagegen: Hier braucht ein Mensch ein Dach über dem Kopf.
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der gesamte Unterschied zwischen Markt und Zivilisation. Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht: Kapitalismus – ja oder nein?
Sondern: Wo ist der Markt ein hervorragendes Werkzeug – und wo darf er nicht der letzte Richter über menschliche Lebensmöglichkeiten sein?
Und: Wie verhindern wir, dass aus wirtschaftlichem Erfolg dauerhafte Herrschaft über andere Menschen entsteht?
Auch die gegenteilige Lösung kann zum Monster werden.
Die Geschichte zeigt, dass die vollständige Konzentration wirtschaftlicher Macht beim Staat keineswegs automatisch vernünftigere oder gerechtere Gesellschaften hervorbringt. Es genügt also nicht, Macht vom Kapital auf den Staat zu übertragen.
Macht selbst muss begrenzt werden.
Denn überall dort, wo Macht sich dauerhaft konzentriert und wirksamer Kontrolle entzieht, entsteht die Gefahr des Missbrauchs.
Dabei geht es nicht darum, dass alle Menschen gleich viel besitzen sollen. Menschen übernehmen unterschiedliche Verantwortung, haben unterschiedliche Fähigkeiten, unterschiedliche Bedürfnisse und treffen unterschiedliche Entscheidungen.
Materielle Unterschiede wird es deshalb geben. Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Wie groß dürfen diese Unterschiede werden, bevor sie gesellschaftlich destruktiv werden?
Vielleicht benötigt eine vernünftige Gesellschaft deshalb nicht nur ein Existenzminimum. - Vielleicht braucht sie gedanklich auch ein Machtmaximum.
Nicht notwendigerweise als starre Zahl auf einem Bankkonto. Aber als gesellschaftliches Prinzip:
Kein Mensch sollte so arm sein, dass ihm elementare gesellschaftliche Teilhabe unmöglich wird.
Und kein Mensch sollte so reich werden können, dass sein Vermögen ihm politische oder gesellschaftliche Macht verschafft, die demokratischer Kontrolle praktisch entzogen ist.
Das wäre keine Abschaffung des Eigentums. – Es wäre seine Zivilisierung.
Damit landen wir bei einem Gedanken, der fast zweieinhalb Jahrtausende alt ist. Platon lässt Sokrates in der Politeia sinngemäß erklären:
Solange nicht die Philosophen herrschen oder die Herrschenden ernsthaft philosophieren, wird es für Staaten und Menschheit kein Ende ihrer Übel geben.
Ich würde Platon heute allerdings widersprechen: Wir brauchen keine Philosophenkönige, denn auch Philosophen können irren.
Und auch Wissenschaftler können persönliche Interessen haben, hochgebildete Menschen können autoritär, eitel oder korrupt sein.
Die entscheidende Errungenschaft der Moderne besteht gerade darin, dass wir nicht mehr darauf hoffen müssen, irgendwann den vollkommen weisen Herrscher zu finden. Wir können etwas viel Besseres tun:
Wir können Institutionen bauen, die auch dann funktionieren, wenn Menschen nicht vollkommen vernünftig sind.
Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist das Montreal-Protokoll von 1987: Die Wissenschaft erkannte, dass bestimmte Fluorchlorkohlenwasserstoffe die Ozonschicht zerstörten und die Staaten handelten.
Produktion und Verbrauch der wichtigsten ozonschädigenden Stoffe wurden international schrittweise beschränkt und weitgehend beendet. Das Problem ist noch nicht vollständig verschwunden, aber die Ozonschicht befindet sich auf einem langfristigen Erholungspfad. Das zeigt:
Die Menschheit ist grundsätzlich in der Lage, wissenschaftliche Erkenntnis in globale politische Kooperation zu übersetzen.
Warum gelingt das beim Klimawandel so viel schwerer?
Unter anderem deshalb, weil hier wesentlich größere wirtschaftliche Interessen, Infrastrukturen, Verteilungsfragen und Lebensweisen betroffen sind.
Vernunft muss sich gegen mächtige kurzfristige Interessen behaupten. – Und damit sind wir wieder beim Besitz.
Vielleicht sollten wir deshalb eine Frage stellen, die in unserer Gesellschaft erstaunlich selten gestellt wird:
Wie viel kann ein Mensch legitimerweise besitzen?
Nicht moralisch im Sinne von: Wie viel gönnen wir ihm?
Sondern demokratisch: Wie viel ökonomische Macht darf sich in einer Hand konzentrieren, bevor die politische Gleichheit der Bürger zur Fiktion wird?
Ein Mensch – eine Stimme. Das ist das demokratische Ideal.
Aber eine Gesellschaft, in der der eine Bürger seine Stromrechnung kaum bezahlen kann und ein anderer Milliarden für Medienunternehmen, Lobbyorganisationen, politische Kampagnen oder andere Formen gesellschaftlicher Einflussnahme einsetzen könnte, muss sich fragen, wie gleich diese beiden Stimmen tatsächlich noch sind.
Deshalb sind Debatten über progressive Vermögens- und Erbschaftsbesteuerung, wirksames Kartellrecht, transparente Parteienfinanzierung, strenge Regeln für Lobbyismus und eine verlässliche soziale Grundsicherung keine Fragen des Neides. – Sie sind Fragen der Demokratie.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie nehmen wir erfolgreichen Menschen ihr Eigentum weg?
Sondern: Wie verhindern wir, dass Eigentum in Herrschaft über andere Menschen umschlägt – während anderen Menschen selbst die Mittel für ein selbstbestimmtes Leben fehlen?
Damit komme ich zurück zum Anfang: Wir bestehen aus Materie, die älter ist als die Erde. – Der Kohlenstoff unseres Körpers entstand in früheren Sternengenerationen. Viele schwerere Elemente wurden in Sternen und gewaltigen kosmischen Ereignissen erzeugt.
Wir sind, poetisch gesprochen, Sternenstaub. Aber biologisch sind wir noch etwas viel Unmittelbareres: Wir sind Erde.
Vor diesem Hintergrund erscheint mir eine Vorstellung zunehmend merkwürdig:
Dass nämlich ein vorübergehend existierender Organismus einen Teil dieses Milliarden Jahre alten Planeten markieren und erklären kann:
Das gehört mir. Für immer.
Natürlich brauchen Gesellschaften Besitz- und Nutzungsregeln. Ohne sie würden Konflikte entstehen. Aber vielleicht sollten wir einen entscheidenden gedanklichen Unterschied wiederentdecken:
Eigentum ist kein Naturgesetz.
Die Gravitation existiert unabhängig von uns. – Eigentumsrechte nicht. Sie sind gesellschaftliche Vereinbarungen. Wir haben sie geschaffen. Und deshalb können wir sie verändern.
Wir müssen neu darüber nachdenken, was Wohlstand eigentlich bedeutet:
Vielleicht ist die entscheidende Kennzahl einer Zivilisation eben nicht, wie reich ihre Reichsten werden können. - Vielleicht ist es die Frage, wie wenig Angst ihre Ärmsten haben müssen.
Das sind keine naturwissenschaftlichen Fragen. Naturwissenschaft kann uns nicht sagen, welche Gesellschaft gerecht ist. Aber sie kann uns etwas Entscheidendes sagen:
Sie kann uns die Grenzen zeigen, innerhalb derer jede Gesellschaft funktionieren muss.
Aber nicht über Physik, nicht über Chemie, nicht über die Belastbarkeit von Ökosystemen.
Die Natur führt keine Koalitionsverhandlungen.
Vielleicht wird es deshalb keine große Revolution der Vernunft geben. Vielleicht brauchen wir sie auch nicht. Viele gesellschaftliche Veränderungen, die uns heute selbstverständlich erscheinen, begannen als Zumutung:
Dagegen gab es immer Menschen, die erklärten:
Und immer begann Veränderung damit, dass jemand eine vermeintliche Selbstverständlichkeit nicht länger selbstverständlich fand.
Vielleicht besteht Aufklärung genau darin:
Nicht darin, Menschen vorzuschreiben, was sie denken sollen. Sondern darin, Fragen zu stellen, nach denen das alte Denken nicht mehr ganz so selbstverständlich erscheint. Und deshalb möchte ich am Ende keine fertige Gesellschaftsordnung präsentieren. Ich möchte vier Fragen stehen lassen.
Und vielleicht beginnt gesellschaftliche Vernunft nicht mit einer Antwort. – Vielleicht beginnt sie mit dem Mut, eine scheinbar selbstverständliche Frage neu zu stellen:
Meine Antwort wäre: Uns jedenfalls nicht. Wir sind jeweils für eine kurze Zeit lediglich ein Teil von ihr.
Und wenn schon niemand von uns die Erde wirklich besitzen kann, wäre vielleicht schon viel gewonnen, wenn wir endlich anfingen, uns auch so zu verhalten.
Es wäre vielleicht das Mindeste, ihre Früchte so zu verteilen, dass niemand im Überfluss daran erstickt, während ein anderer daneben hungert.