Menschen entstehen nicht im luftleeren Raum. - Wer verstehen will, weshalb Paulus später so völlig anders dachte als die Fischer aus Galiläa oder die Jerusalemer Urgemeinde, muss zunächst den Ort kennenlernen, an dem seine geistige Entwicklung begann.
Dieser Ort war Tarsus.
Heute liegt die Stadt im Süden der Türkei. Zur Zeit des Paulus gehörte sie zur römischen Provinz Kilikien und zählte zu den bedeutendsten Handels- und Bildungszentren des östlichen Mittelmeerraums. Antike Autoren stellten Tarsus hinsichtlich seiner philosophischen Schulen gelegentlich sogar auf eine Stufe mit Athen und Alexandria.
Ob diese Einschätzung etwas übertrieben war, spielt letztlich keine Rolle. Entscheidend ist etwas anderes:
Paulus war Jude. – Daran ließ er später niemals Zweifel! Doch seine Familie lebte nicht im religiösen Zentrum Jerusalems, sondern viele hundert Kilometer entfernt in einer griechisch geprägten Metropole.
Die jüdische Gemeinde von Tarsus existierte vermutlich bereits seit mehreren Jahrhunderten. Wahrscheinlich waren ihre Vorfahren während der Herrschaft der Seleukiden bewusst dort angesiedelt worden, um Handel und Verwaltung der Stadt zu stärken. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus eine wohlhabende und selbstbewusste Diasporagemeinde.
Und doch lebten sie gleichzeitig mitten in einer Welt, deren Sprache Griechisch war und deren Kultur von Philosophie, Theater, Wissenschaft und römischer Verwaltung geprägt wurde.
Diese doppelte Zugehörigkeit erforderte tägliche Balance. Man musste lernen, in zwei Welten gleichzeitig zuhause zu sein, ohne die eigene Identität aufzugeben. Und genau diese Fähigkeit sollte später das gesamte Denken des Paulus prägen.
Paulus schrieb seine Briefe nicht auf Hebräisch, auch nicht auf Aramäisch. Er schrieb auf Griechisch. Und zwar auf einem bemerkenswert hohen sprachlichen Niveau.
Seine Briefe zeigen einen Mann, der rhetorische Techniken sicher beherrschte, logische Argumentationsketten aufbauen konnte und seine Gedanken geschickt an unterschiedliche Zuhörerkreise anpasste.
Dabei fällt auf, dass Paulus die hebräische Bibel fast nie nach dem ursprünglichen hebräischen Text zitiert. Stattdessen verwendet er nahezu ausschließlich die Septuaginta, jene griechische Übersetzung der jüdischen Heiligen Schriften, die in den Diasporagemeinden gelesen wurde.
Dieser scheinbar kleine Befund besitzt enorme Bedeutung: Er zeigt, dass Paulus die Welt Israels bereits durch die Brille der griechischen Sprache wahrnahm.
Begriffe verändern nämlich nicht nur die Ausdrucksweise. Sie verändern auch das Denken. Wer dieselbe religiöse Tradition in einer anderen Sprache interpretiert, setzt oft unmerklich andere Schwerpunkte.
Dass Paulus später seine Theologie in Begriffen entwickelte, die auch Griechen nachvollziehen konnten, war deshalb kein Zufall. – Es war das Ergebnis seiner gesamten geistigen Sozialisation.
Manchmal entsteht der Eindruck, Paulus sei entweder einfacher Handwerker oder hochgebildeter Theologe gewesen. Beides greift zu kurz.
Nach eigener Aussage arbeitete Paulus als Zeltmacher – genauer gesagt vermutlich als Verarbeiter des robusten Ziegenhaargewebes Cilicium, für das Kilikien weithin bekannt war. Dieses Handwerk verschaffte ihm wirtschaftliche Unabhängigkeit. Gleichzeitig entsprach es einer alten jüdischen Tradition:
Ein Schriftgelehrter sollte seinen Lebensunterhalt grundsätzlich durch ehrliche Arbeit verdienen. Religiöse Bildung durfte keine Einnahmequelle sein. Die Verbindung von körperlicher Arbeit und geistiger Tätigkeit galt vielmehr als Ideal. Paulus verkörpert dieses Ideal nahezu exemplarisch.
Tagsüber fertigte er vermutlich Zelte, Segel oder schwere Stoffbahnen an. Abends diskutierte er über Mose, Jesaja oder die Psalmen. Später schrieb er Briefe, deren gedankliche Tiefe die Theologie bis heute beschäftigt.
Es wäre daher völlig falsch, Paulus als einfachen Handwerker zu betrachten.
Ebenso falsch wäre es jedoch, ihn ausschließlich als Gelehrten zu sehen. - Er vereinte beide Welten in einer Person. Gerade dadurch konnte er mit Handwerkern ebenso selbstverständlich sprechen wie mit wohlhabenden Hausbesitzern oder philosophisch gebildeten Griechen.
Für die jüdische Diaspora war die Synagoge weit mehr als ein Gotteshaus.
Hier lernte Paulus schon früh, Texte auszulegen, Argumente abzuwägen und religiöse Fragen öffentlich zu diskutieren.
Diese Kultur des Streitgesprächs prägte das Judentum seit Jahrhunderten. Nicht blinder Gehorsam, sondern die sorgfältige Auslegung der Tora galt als Zeichen ernsthafter Frömmigkeit. Auch Paulus blieb dieser Denkweise sein Leben lang treu. Selbst nachdem er Christus verkündigte, argumentierte er weiterhin wie ein jüdischer Schriftgelehrter.
Seine Briefe erinnern deshalb oft weniger an Predigten als an sorgfältig aufgebaute juristische Plädoyers.
Die größte Hinterlassenschaft seiner Heimatstadt bestand jedoch weder in philosophischen Schulen noch im florierenden Handel. Sie bestand in einer geistigen Haltung. Paulus lernte von frühester Jugend an, zwischen unterschiedlichen Kulturen zu vermitteln.
Genau diese Fähigkeit machte ihn Jahrzehnte später zum erfolgreichsten Missionar der jungen Jesusbewegung.
Die galiläischen Jünger wussten, wie man Juden von Jesus erzählte. - Paulus wusste, wie man Griechen und Römern einen jüdischen Messias verständlich machte. Damit besaß er etwas, das damals kaum ein anderer Christ vorweisen konnte.
Nicht zufällig sollte gerade dieser Mann die Brücke schlagen zwischen einer kleinen jüdischen Reformbewegung und einer Religion, die schließlich den gesamten Mittelmeerraum erfasste. – Doch bevor Paulus zum bedeutendsten Missionar des frühen Christentums wurde, war er zunächst etwas völlig anderes:
Ein leidenschaftlicher Pharisäer. - Einer jener Männer, die überzeugt waren, dass gerade die Anhänger Jesu eine ernste Gefahr für Israels Glauben darstellten. Und genau dort beginnt das nächste Kapitel unserer Spurensuche.