Ich wache immer schon sehr früh am Morgen auf... Meist liege ich noch einige Minuten wach und hänge einem Gedanken nach, bevor ich gegen drei Uhr aufstehe.
Heute Morgen war da plötzlich ein Lied. – Warum gerade dieses, weiß ich nicht. An den Traum, aus dem es vermutlich herübergeweht war, kann ich mich jedenfalls nicht erinnern. Aber eine Melodie und ein paar Worte waren noch da:
„Die Gewissheit des ewigen Lebens …“
Das Lied gehörte früher zum neuapostolischen Liedgut. Im Zuge der großen Gesangbuchreform und der Einführung des neuen Gesangbuchs im Jahr 2005 verschwand es aus dem regulären Gemeindegesangbuch, blieb aber im offiziellen „Chorbuch für den neuapostolischen Gottesdienst“ erhalten.
https://www.youtube.com/watch?v=odFlRURjxW0 (klick)
Heute stolpere ich bereits über die erste Zeile:
„Die Gewissheit des ewigen Lebens hat mir Gott durch Apostel geschenkt …“
Was für ein Satz!
Aus allgemein-christlicher und insbesondere ökumenischer Perspektive ist diese Formulierung zumindest erklärungsbedürftig. Denn im klassischen Christentum wird die Hoffnung auf ewiges Leben grundsätzlich an Jesus Christus gebunden. Die traditionelle neuapostolische Theologie dagegen verknüpft das Heil in besonderer Weise mit dem Wirken des lebenden Apostelamtes.
Schon zwei kleine Worte verraten deshalb sehr viel:
„durch Apostel“.
Und dann folgt:
„Ja, mein Glaubenslauf ist nicht vergebens, weil die Wahrheit zum Ziele uns lenkt.“
Heute muss ich darüber schmunzeln.
Nicht über diejenigen, die dieses Lied noch immer mit Überzeugung singen. Ich schmunzle über mich selbst – darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit ich solche Sätze jahrzehntelang für bare Münze genommen habe.
Ich besaß sie tatsächlich, diese „Gewissheit“. Oder genauer: Ich hielt etwas für gewiss. Und damit begann heute Morgen ein kleiner Gedankenspaziergang.
Denn was ist eigentlich Gewissheit? Was ist Wissen? Was ist Glaube? Und was bedeutet es lediglich, etwas für wahr zu halten?
Intelligenz bezeichnet zunächst einmal die Fähigkeit, Probleme zu erfassen und zu lösen, Zusammenhänge zu erkennen, aus Erfahrungen zu lernen und sich auf neue Situationen einzustellen.
Wissen dagegen betrifft Inhalte, die wir für wahr halten und für die wir – jedenfalls im erkenntnistheoretisch anspruchsvollen Sinne – hinreichende Gründe beanspruchen.
Und Glaube? – Hier wird es schwieriger:
Im alltäglichen Sprachgebrauch kann „glauben“ schlicht bedeuten: Ich nehme an, dass etwas so ist.
Im religiösen Sprachgebrauch bezeichnet „Glaube“ dagegen häufig ein existenzielles Vertrauen, eine innere Überzeugung oder Bindung, deren Gegenstand sich gerade nicht in derselben Weise empirisch überprüfen lässt wie eine naturwissenschaftliche Aussage.
Und genau hier lauert eine sprachliche Falle:
Subjektive Gewissheit ist noch kein Wissen.
Ein Mensch kann sich einer Sache vollkommen sicher sein – und dennoch irren.
Wenn eine Überzeugung darauf beruht, dass ich einer Person vertraue, die wiederum einer anderen Person vertraut, die ihrerseits auf eine weitere Autorität verweist, entsteht eine epistemische Abhängigkeitskette.
Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Unser gesamtes Leben beruht zu einem erheblichen Teil auf solchem Vertrauen. Niemand überprüft persönlich jede historische Quelle, jedes physikalische Experiment oder jede medizinische Studie.
Der entscheidende Unterschied liegt woanders:
Kann die Vertrauenskette grundsätzlich zu überprüfbaren Gründen und Quellen zurückverfolgt werden – oder endet sie irgendwann bei einer Behauptung, die wiederum nur durch Autorität beglaubigt wird?
An dieser Stelle wird es erkenntnistheoretisch interessant.
Immanuel Kant unterscheidet in der Kritik der reinen Vernunft drei Formen des Fürwahrhaltens:
Meinen, Glauben und Wissen.
Das Meinen ist für Kant ein Fürwahrhalten, das sowohl subjektiv als auch objektiv als unzureichend erkannt wird.
Beim Glauben ist das Fürwahrhalten subjektiv zureichend, objektiv aber unzureichend.
Beim Wissen schließlich gilt das Fürwahrhalten sowohl subjektiv als auch objektiv als zureichend.
Diese Unterscheidung finde ich noch immer außerordentlich hilfreich. Denn sie macht sichtbar, was religiöse Sprache gern verwischt:
Die Stärke einer inneren Überzeugung sagt zunächst nichts über die Wahrheit ihres Gegenstandes aus.
Ich kann etwas mit größter Inbrunst glauben. Ich kann bereit sein, mein Leben danach auszurichten. Ich kann mich dabei geborgen, getragen und vollkommen sicher fühlen.
Und dennoch folgt daraus logisch nicht, dass das Geglaubte außerhalb meines Bewusstseins tatsächlich existiert oder dass die damit verbundenen Behauptungen wahr sind.
Genau deshalb ist das Wort „Gewissheit“ in jenem neuapostolischen Lied so interessant. Die Gewissheit wird dort nicht als Ergebnis einer Prüfung beschrieben. Sie wird verliehen:
„… hat mir Gott durch Apostel geschenkt.“
Doch woher weiß ich, dass Gott sie durch Apostel geschenkt hat? Weil die Apostel es sagen!
Und woher wissen die Apostel, dass sie von Gott dazu beauftragt wurden?
An irgendeinem Punkt beginnt die Begründung, sich innerhalb des eigenen Glaubenssystems im Kreis zu bewegen. Das System bestätigt die Autorität – und die Autorität bestätigt das System. Ein Zirkelschluss auch Teufelskreis genannt.
Und damit kam ich heute Morgen bei einer Frage an, die mir im Zusammenhang mit der Neuapostolischen Kirche immer wieder begegnet:
Wie kann ein hochintelligenter, akademisch gebildeter Mensch, etwa ein promovierter Jurist wie das heutige NAK-Oberhaupt Dr. jur. Helge Mutschler, mit großer persönlicher Überzeugung am Altar stehen und beanspruchen, im Auftrag Gottes zu handeln?
Ist das nicht ein Widerspruch?
Nur auf den ersten Blick! - Denn Intelligenz schützt keineswegs automatisch vor unbegründeten Überzeugungen. Sie erhöht zunächst einmal unsere Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und Argumente zu bilden. Und diese Fähigkeit kann in beide Richtungen wirken.
Ein intelligenter Mensch kann Überzeugungen hervorragend überprüfen. – Er kann aber ebenso hervorragend Gründe für Überzeugungen konstruieren, die er bereits besitzt.
Menschen denken außerdem nicht in allen Lebensbereichen nach denselben epistemischen Regeln.
Ein Jurist kann in seinem Beruf Belege prüfen, Aussagen gegeneinander abwägen, Begriffe messerscharf definieren und Schlussfolgerungen kritisch kontrollieren – und gleichzeitig religiöse Grundannahmen akzeptieren, die er niemals denselben Prüfverfahren unterwerfen würde.
In der Psychologie wird für eine solche Trennung unterschiedlicher Denk- und Lebensbereiche gelegentlich der Begriff Kompartimentierung verwendet. Das ist kein Zeichen mangelnder Intelligenz, sondern eine sehr menschliche Fähigkeit.
Wer von früher Kindheit an in einer religiösen Gemeinschaft aufwächst, begegnet deren Glaubenssätzen zunächst nicht als philosophischen Hypothesen. Ein kleines Kind fragt nicht:
Wie belastbar ist eigentlich die epistemische Grundlage der apostolischen Sukzession?
Es erlebt Menschen Eltern. Großeltern. Geschwister. Gemeinde. Musik. Feste. Gottesdienste. Gemeinschaft.
Glaubenssätze werden dadurch mit Geborgenheit, Zugehörigkeit, Anerkennung und Identität verbunden, lange bevor ein Mensch überhaupt in der Lage ist, ihre erkenntnistheoretische Begründung zu untersuchen.
Ich kenne diesen Mechanismus aus eigener Erfahrung nur zu gut. – Die neuapostolische Glaubenswelt war nicht zunächst eine Theorie, die ich geprüft und anschließend akzeptiert hätte.
Sie war einfach da.
Sie bildete den Rahmen, innerhalb dessen überhaupt erst erklärt wurde, was wahr und falsch, richtig und falsch, drinnen und draußen, Heil und Unheil sein sollten.
Später kann ein intelligenter Erwachsener innerhalb dieses Rahmens außerordentlich differenziert denken. Er kann reformieren, modernisieren, historische Fehler einräumen und theologische Formulierungen verändern. Aber all das bedeutet noch nicht zwingend, dass er auch die Grundprämisse des Systems selbst zur Disposition stellt.
Hier kommt ein weiterer Mechanismus ins Spiel: die Rationalisierung: Wenn eine tief verankerte Überzeugung mit widersprechenden Informationen kollidiert, entsteht kognitive Dissonanz.
Eine Möglichkeit besteht darin, die Überzeugung aufzugeben. – Eine andere besteht darin, sie neu zu interpretieren.
Und je größer die intellektuellen und rhetorischen Fähigkeiten eines Menschen sind, desto ausgefeilter können solche Neuinterpretationen ausfallen.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass man an einem konkreten Menschen von außen Täuschung, Selbsttäuschung oder bestimmte unbewusste Motive diagnostizieren könnte. Was in Helge Mutschler oder irgendeinem anderen Amtsträger tatsächlich vorgeht, weiß nur der Betroffene selbst.
Aber die allgemeinen Mechanismen erklären, warum hohe Intelligenz und religiöse Gewissheit keineswegs unvereinbar sein müssen. Hinzu kommt bei einem Kirchenoberhaupt eine außergewöhnliche soziale Rolle.
Millionen Menschen betrachten dieses Amt als höchste geistliche Autorität ihrer Kirche. Predigten werden gehört, zitiert und ausgelegt. Entscheidungen wirken auf Gemeinden rund um den Globus.
Eine solche institutionelle Rolle erzeugt zwangsläufig Rückkopplungen zwischen Person und Amt:
Der Mensch verkörpert das Amt. – Das Amt bestätigt den Menschen. – Und die Gemeinschaft bestätigt wiederum beide.
Wie stark eine solche Rückkopplung das persönliche Erleben beeinflusst, lässt sich von außen kaum bestimmen. Dass sie überhaupt wirkt, wäre allerdings wenig überraschend.
So führte mich mein morgendlicher Spaziergang über Intelligenz, Wissen, Glauben, Kant, Sozialisation, kognitive Dissonanz und religiöse Autorität schließlich wieder zurück an seinen Ausgangspunkt:
„Die Gewissheit des ewigen Lebens,
hat mir Gott durch Apostel geschenkt …“
Früher sang ich diesen Satz. Heute frage ich: Woher weißt du das?
Und genau diese kleine Frage hat für mich etwas ungemein Befreiendes. Denn sie verlangt nicht, eine Behauptung durch eine andere zu ersetzen.
Sie verlangt auch keine neue Gewissheit – sie verlangt lediglich Gründe. Vielleicht besteht intellektuelle Freiheit gerade darin, irgendwann sagen zu können:
Ich muss nicht mehr gewiss sein.
Ich darf prüfen, ich darf zweifeln, ich darf mein Urteil ändern. Und wenn die Belege nicht ausreichen, darf ich einen Satz aussprechen, der in geschlossenen Glaubenssystemen erstaunlich schwerfallen kann:
Ich weiß es nicht.
Als ich heute Morgen aufstand, war das alte Lied noch in meinem Kopf. Aber seine „Gewissheit“ war verschwunden.
Geblieben waren ein Schmunzeln, und eine, wie ich finde, ziemlich gute Frage:
Woher weißt du das?