Rosch ha-Schana (hebräisch Rosch ha-Schana, wörtlich „Kopf“ oder „Haupt des Jahres“) ist das jüdische Neujahrsfest. Mit ihm beginnt das neue Jahr des jüdischen Kalenders.
Im Jahr 5787 begann Rosch ha-Schana mit Sonnenuntergang am 11. September 2026 und endete am Abend des 13. September 2026.
Anders als unser westliches Neujahrsfest ist Rosch ha-Schana jedoch keineswegs vor allem ein ausgelassenes Fest zum Jahreswechsel. Freude über den Beginn eines neuen Jahres verbindet sich mit einem sehr ernsten Gedanken: Der Mensch soll Bilanz über sein Leben ziehen.
Rosch ha-Schana eröffnet damit zugleich jene Zeit, die schließlich in Jom Kippur, dem Versöhnungstag, ihren Höhepunkt findet.
Auf den ersten Blick steckt darin eine Merkwürdigkeit: Rosch ha-Schana fällt auf den 1. und 2. Tischri – Tischri ist nach der biblischen Zählung aber der siebte, nicht der erste Monat.
Das erklärt sich daraus, dass das Judentum mehrere Jahresanfänge für unterschiedliche Zwecke kennt. Während der Monat Nissan in der Tora als erster Monat gezählt wird, entwickelte sich der 1. Tischri zum Beginn der Jahreszählung.
Auch der Name „Rosch ha-Schana“ steht so noch nicht in der Tora.
In Levitikus 23,24 und Numeri 29,1 wird der erste Tag des siebten Monats vielmehr als heiliger Ruhetag bezeichnet, der durch das Blasen eines Horns gekennzeichnet ist. Aus diesem biblischen Festtag entwickelte die rabbinische Tradition später Rosch ha-Schana in seiner heutigen Bedeutung.
Häufig liest man, Rosch ha-Schana erinnere an die Erschaffung der Welt. Das ist verkürzt.
Nach rabbinischer Tradition steht insbesondere die Erschaffung des Menschen im Mittelpunkt. Damit erhält der Tag seine besondere Bedeutung: Mit dem Menschen tritt nach dieser religiösen Vorstellung ein Wesen in die Welt, das für sein Handeln moralisch verantwortlich gemacht werden kann.
Daraus entwickelte sich die Vorstellung von Rosch ha-Schana als Tag des göttlichen Gerichts. Es geht also nicht nur um die Frage:
sondern vor allem:
Mit Rosch ha-Schana beginnen die Aseret Jemei Teschuwa, die „zehn Tage der Umkehr“. Sie werden auch den Jamim Noraim, den „ehrfurchtsvollen“ oder „furchtgebietenden Tagen“, zugerechnet. – Sie reichen bis Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag.
Diese Zeit dient der Selbstprüfung, Reue, Umkehr und Versöhnung.
Der Mensch soll nicht lediglich bedauern, was er falsch gemacht hat. Teschuwa – wörtlich eigentlich „Rückkehr“ – verlangt nach traditionellem jüdischem Verständnis mehr: Fehlverhalten erkennen, bereuen, davon ablassen, Verantwortung übernehmen und sich vornehmen, den Fehler nicht zu wiederholen.
Besonders bemerkenswert ist dabei die Unterscheidung zwischen Verfehlungen gegen Gott und solchen gegen andere Menschen.
Jom Kippur allein beseitigt nach rabbinischer Auffassung nicht einfach das Unrecht, das einem Mitmenschen angetan wurde. Wer einen anderen beleidigt, betrogen, geschädigt oder bestohlen hat, muss sich deshalb an den Betroffenen wenden, um Verzeihung bitten und – soweit möglich – den angerichteten Schaden wiedergutmachen.
Ein Gebet zu Gott ersetzt also nicht die Entschuldigung beim Menschen.
Eine eindrucksvolle rabbinische Vorstellung findet sich im Babylonischen Talmud. Danach werden an Rosch ha-Schana symbolisch drei Bücher geöffnet:
Die Gerechten werden demnach unmittelbar „zum Leben“, die Bösen „zum Tod“ eingeschrieben. Bei den Menschen dazwischen – und damit sinnbildlich wohl bei der großen Masse der Menschheit – bleibt das Urteil bis Jom Kippur offen.
Daraus entwickelte sich das bekannte Bild:
Das ist keine Aussage der Tora, sondern eine rabbinisch-talmudische Vorstellung.
Gerade sie prägt jedoch bis heute die Sprache und Symbolik der hohen jüdischen Feiertage. Daher begegnet auch der traditionelle Wunsch:
In der Liturgie der hohen Feiertage begegnen drei zentrale Begriffe:
Sie werden insbesondere im berühmten Gebet Unetane Tokef miteinander verbunden.
Zedaka bedeutet dabei mehr als freiwillige Mildtätigkeit im modernen Sinne. Das hebräische Wort hängt mit Zedek – Gerechtigkeit – zusammen. Bedürftigen zu helfen, gilt daher nicht bloß als besonders nette Zugabe zu einem ansonsten tugendhaften Leben, sondern als moralische Verpflichtung.
Das wohl bekannteste Symbol von Rosch ha-Schana ist der Schofar, ein aus einem Tierhorn – traditionell häufig einem Widderhorn – gefertigtes Blasinstrument.
Sein Klang soll aufrütteln. Er lässt sich geradezu als akustisches Symbol des gesamten Festes verstehen:
Das Blasen des Schofars hat bereits eine biblische Grundlage. Levitikus und Numeri schreiben für diesen Tag einen durch Hornsignale gekennzeichneten heiligen Ruhetag vor.
Im traditionellen Gottesdienst erklingen unterschiedliche Signale: lange Töne, gebrochene Töne und kurze, stakkatoartige Tonfolgen.
Eine wichtige Besonderheit gilt, wenn der erste Tag von Rosch ha-Schana auf einen Schabbat fällt: Im traditionellen rabbinischen Judentum wird dann an diesem Tag kein Schofar geblasen; das Schofarblasen erfolgt am zweiten Festtag. – Genau dies war 5787/2026 der Fall.
Ein besonders anschaulicher Brauch ist Taschlich: Gläubige gehen gewöhnlich am Nachmittag des ersten Festtages zu einem Fluss, See oder einem anderen Gewässer und sprechen dort Gebete. Hintergrund ist unter anderem ein Vers aus dem Propheten Micha:
Daher stammt auch der Name Taschlich – „Du wirst werfen“.
Mancherorts hat sich daraus der Brauch entwickelt, Brotkrumen ins Wasser zu werfen oder die Taschen beziehungsweise Kleidungsstücke auszuschütteln. Das ist jedoch nicht der eigentliche Kern des Rituals. Die Sünden werden selbstverständlich nicht buchstäblich durch das Entsorgen von Brot beseitigt. Das Geschehen ist symbolischer Ausdruck der inneren Umkehr.
Fällt der erste Festtag auf einen Schabbat, wird Taschlich in vielen Traditionen auf den zweiten Tag verschoben. Auch dies traf auf Rosch ha-Schana 5787/2026 zu.
Zur Vorbereitung auf die hohen Feiertage gehören die Slichot, besondere Buß- und Vergebungsgebete. – Wann sie beginnen, unterscheidet sich zwischen den jüdischen Traditionen.
In sephardischen Gemeinden werden Slichot vielfach bereits während eines großen Teils des Monats Elul vor Rosch ha-Schana gesprochen. In aschkenasischen Gemeinden beginnen sie gewöhnlich erst einige Tage vor Rosch ha-Schana.
Die Bußthematik setzt sich anschließend während der zehn Tage bis Jom Kippur in besonderer Weise fort.
Der Schabbat zwischen Rosch ha-Schana und Jom Kippur heißt Schabbat Schuwa, „Schabbat der Umkehr“. – Seinen Namen erhält er vom Beginn der prophetischen Lesung aus Hosea 14:
Traditionell widmet sich auch die Predigt dieses Schabbats besonders der Umkehr und der Vorbereitung auf Jom Kippur.
Bei aller Ernsthaftigkeit ist Rosch ha-Schana zugleich ein Fest der Hoffnung. - Das zeigt sich besonders am Esstisch.
Wie an anderen jüdischen Festtagen wird der Kiddusch über Wein gesprochen. Nach dem rituellen Händewaschen folgt der Segensspruch über das Brot:
Sinngemäß: „Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Brot aus der Erde hervorbringt.“
An Rosch ha-Schana wird die Challa häufig nicht wie sonst in Salz, sondern in Honig getaucht. Der Wunsch ist leicht zu verstehen:
Dazu passt der verbreitete Neujahrsgruß:
oder ausführlicher:
Apfel und Honig
Das wohl bekannteste kulinarische Symbol von Rosch ha-Schana sind Äpfel mit Honig. Beim Essen bittet man sinngemäß darum, dass das kommende Jahr gut und süß werden möge. Das Süße steht damit nicht nur für Genuss, sondern für die Hoffnung auf Wohlergehen, Glück und Frieden.
Die runde Challa
Während die Challa am Schabbat gewöhnlich länglich geflochten wird, ist sie zu Rosch ha-Schana häufig rund.
Für diese Form existieren verschiedene Deutungen: Sie kann den Kreislauf des Jahres und des Lebens, Vollständigkeit oder auch eine Krone als Symbol der göttlichen Königsherrschaft darstellen.
Häufig werden Rosinen hinzugefügt – noch etwas mehr Süße für das erhoffte süße Jahr.
Der Granatapfel
Auch der Granatapfel gehört zu den bekannten Symbolspeisen. Nach einer populären jüdischen Überlieferung besitzt er 613 Kerne – entsprechend den traditionell gezählten 613 Geboten (Mizwot) der Tora.
Botanisch ist das natürlich keine feste Eigenschaft des Granatapfels: Die Zahl der Kerne variiert. – Als Symbol funktioniert die Vorstellung dennoch ausgezeichnet. Man wünscht sich, im kommenden Jahr mögen die eigenen guten Taten ebenso zahlreich sein wie die Kerne der Frucht.
Am zweiten Abend wird außerdem traditionell gern eine „neue Frucht“ gegessen, die man in dieser Saison noch nicht genossen hat. Häufig übernimmt der Granatapfel auch diese Rolle.
Kopf von Fisch oder Schaf
In manchen Traditionen kommt ein Fisch- oder Schafskopf auf den Tisch. Dazu gehört der Wunsch:
Hier spielt bereits der Name des Festes hinein: Rosch bedeutet „Kopf“.
Der Brauch drückt den Wunsch aus, im neuen Jahr selbstbestimmt voranzugehen und nicht bloß hinter anderen herzuziehen.
Karotten und Tzimmes
Besonders in aschkenasischen Traditionen spielen Karotten eine Rolle. Das jiddische Wort Mern kann sowohl „Möhren“ als auch „vermehren“ anklingen lassen. Daraus entstand der Wunsch, Verdienste und gute Taten mögen sich vermehren.
Bekannt ist Tzimmes, eine meist süßliche Speise, die unter anderem aus Karotten bestehen kann.
Datteln, Lauch und andere Wortspiele
Sehr alte jüdische Neujahrsbräuche arbeiten mit Wortspielen. – Dabei werden Lebensmittel gegessen, deren hebräische oder aramäische Namen an Wörter erinnern, die etwas Erwünschtes ausdrücken. Dazu gehören je nach Tradition unter anderem:
Diese sogenannten Simanim, die „Zeichen“, zeigen besonders schön, wie Sprache, Essen und religiöse Symbolik miteinander verbunden werden. – Die konkrete Auswahl unterscheidet sich allerdings erheblich zwischen aschkenasischen, sephardischen und anderen jüdischen Traditionen.
Und warum essen manche keine Nüsse?
In manchen – vor allem aschkenasischen – Traditionen werden an Rosch ha-Schana Nüsse gemieden. Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen.
Eine davon beruht auf der Gematria, der Zuordnung von Zahlenwerten zu hebräischen Buchstaben. Der Zahlenwert von Egos („Nuss“) wird dabei mit dem Zahlenwert einer Schreibweise von Chet („Sünde“) in Verbindung gebracht.
Eine andere, wesentlich praktischere Erklärung lautet: Nüsse könnten Hals und Stimme beeinträchtigen – ausgesprochen ungünstig an Tagen, an denen besonders viel gebetet wird.
Auch dies ist Brauch, kein allgemeines jüdisches Speiseverbot.
Ähnlich verhält es sich mit der verbreiteten Vorliebe für süße und dem gelegentlichen Meiden saurer, bitterer oder sehr scharfer Speisen: Man möchte das neue Jahr symbolisch mit Süße beginnen. Die konkreten Gewohnheiten unterscheiden sich jedoch von Gemeinde zu Gemeinde und von Familie zu Familie.
Wer Rosch ha-Schana lediglich als „jüdisches Neujahr“ bezeichnet, sagt also nichts Falsches – aber viel zu wenig. Denn dieses Fest verbindet zwei Gedanken, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen:
Hoffnung auf ein gutes neues Jahr und schonungslose Rückschau auf das vergangene.
In dieser Verbindung von Neuanfang und moralischer Bilanz liegt vermutlich einer der bemerkenswertesten Gedanken des Festes:
Ein neues Jahr wird nicht allein dadurch besser, dass man sich ein besseres Jahr wünscht. – Es beginnt mit der Frage, was man selbst dazu beitragen kann.
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