Bis zu seinem Erlebnis vor Damaskus hatte Paulus die Heiligen Schriften Israels wie jeder andere Pharisäer gelesen:
Nach seiner Vision änderten sich diese Überzeugungen nicht einfach. Sie wurden neu miteinander verbunden. Und DAS war die eigentliche schöpferische Leistung des Paulus.
Er erfand keine neuen Bausteine – Er setzte die vorhandenen Steine zu einem völlig neuen Gebäude zusammen.
Einer dieser Bausteine war Adam. Bis dahin spielte der im jüdischen Denken zwar eine wichtige Rolle als erster Mensch. Doch niemand leitete aus seiner Geschichte eine universale Erlösungslehre ab. Genau das beginnt Paulus nun zu tun.
Im Römerbrief und besonders im Ersten Korintherbrief stellt er Adam und Christus einander gegenüber.
Mit dieser Gegenüberstellung entsteht zum ersten Mal eine große heilsgeschichtliche Linie.
Zwischen beiden entfaltet sich die gesamte Geschichte der Menschheit.
Hier begegnen wir bereits den ersten Ansätzen jener Gedankenwelt, aus der Jahrhunderte später die Erbsündenlehre entstehen sollte. Paulus selbst formuliert diese Lehre allerdings noch nicht.
Er spricht von der Macht der Sünde. Nicht von einer erblich übertragenen persönlichen Schuld jedes Neugeborenen. Diese entscheidende Verschärfung wird erst mehrere Jahrhunderte später durch Augustinus vorgenommen werden.
Deshalb lohnt es sich, Paulus sorgfältig von seinen späteren Auslegern zu unterscheiden.
Noch tiefgreifender wirkt sich eine zweite Erkenntnis aus. Als Pharisäer hatte Paulus geglaubt, die Tora sei der von Gott gegebene Weg zum Leben. Nun kommt er zu einer überraschenden Schlussfolgerung:
Das Gesetz erlöst den Menschen nicht. Es macht ihm seine Sünde überhaupt erst bewusst.
Dieser Gedanke erscheint zunächst fast paradox. Paulus verachtet die Tora keineswegs.Im Gegenteil, er nennt sie heilig, gerecht und gut. Und dennoch kann sie nach seiner neuen Überzeugung den Menschen nicht retten.
Denn sie zeigt zwar den richtigen Weg. Sie verleiht aber nicht die Kraft, ihn vollständig zu gehen. Damit verändert Paulus den Stellenwert des Gesetzes grundlegend:
Aus dem Weg zum Heil wird gewissermaßen ein Spiegel, in dem der Mensch seine eigene Unzulänglichkeit erkennt.
Hier setzt Paulus seinen vielleicht folgenreichsten Gedanken an:
Wenn kein Mensch das Gesetz vollkommen erfüllen kann, dann kann auch niemand seinen Platz vor Gott aus eigener Leistung verdienen. Der Mensch bleibt auf Gottes Gnade angewiesen.
Diese Gnade sieht Paulus im Christusereignis verwirklicht. Nicht weil Gott seine Maßstäbe aufgegeben hätte, sondern weil Gott selbst einen neuen Weg eröffnet habe.
Der Mensch wird nicht deshalb gerecht, weil er vollkommen lebt, sondern weil Gott ihn gerecht spricht.
Dieser Gedanke wird später unter dem Begriff Rechtfertigung berühmt. Er gehört zu den einflussreichsten Ideen der gesamten christlichen Theologie. Und doch beginnt er mit einer zutiefst jüdischen Frage:
Wie kann ein unvollkommener Mensch
vor dem vollkommenen Gott bestehen?
An dieser Stelle greift Paulus erneut tief in die Geschichte Israels zurück:
Warum, fragt er, wurde Abraham eigentlich von Gott erwählt? War es wegen seiner Gesetzestreue? – NEIN! Denn die Tora gab es damals noch gar nicht.
Abraham vertraute Gott. Und dieses Vertrauen rechnete Gott ihm als Gerechtigkeit an.
Aus diesem Gedanken entwickelt Paulus eine weitere Revolution:
Wenn Abraham bereits VOR der Tora gerecht gesprochen wurde, dann kann Gottes Heil auch Menschen offenstehen, die niemals unter der Tora gelebt haben. Mit einem einzigen Argument öffnet sich plötzlich die Tür für die gesamte nichtjüdische Welt.
Griechen, Römer, Ägypter, Kelten, Germanen,...
..., sie alle können nun zu Gottes Volk gehören, ohne zuvor Juden werden zu müssen. Kaum ein Gedanke hat die Weltgeschichte nachhaltiger verändert.
Hier schließt sich der Kreis:
Nicht Abstammung, nicht Beschneidung, nicht Speisegebote, nicht kultische Reinheit, nicht ethnische Herkunft, sondern Vertrauen auf Gottes Handeln in Christus.
Dieses Vertrauen nennt Paulus Glauben. – Dabei meint er weit mehr als das bloße Für-wahr-Halten bestimmter Aussagen. Der griechische Begriff pistis umfasst ebenso Treue, Vertrauen und Verlässlichkeit.
Wer glaubt, vertraut sich Gott an.
Genau darin erkennt Paulus die eigentliche Verbindung zwischen Abraham und Christus.
Betrachtet man diese Gedanken gemeinsam, erkennt man plötzlich ihre innere Logik.
Nichts davon wirkt für sich genommen revolutionär. Die Revolution entsteht erst dadurch, dass Paulus alle diese Gedanken zu einem einzigen theologischen System verbindet. - Hier liegt seine eigentliche Genialität:
Nicht in einzelnen Ideen,
sondern in ihrer außergewöhnlichen Verbindung!
Vielleicht wird an dieser Stelle auch verständlich, weshalb spätere Theologen immer wieder zu Paulus zurückkehrten.
Sie alle bauten auf Fundamenten, die Paulus bereits gelegt hatte. – Sie errichteten neue Stockwerke, das Fundament aber blieb dasselbe.
Gerade deshalb reicht der Einfluss des Paulus weit über das erste Jahrhundert hinaus. Er prägte nicht nur das frühe Christentum, er beeinflusste nahezu jede große theologische Debatte der folgenden zwei Jahrtausende.