Im Zuge der Veröffentlichung meiner Paulus-Saga in der Reihe „Entstehung des Christentums als Buchreligion“ wurde ich gefragt, wann denn Paulus’ Gefährtin Junia ins Spiel komme. Von ihr heiße es sogar, sie habe kraftvoller gepredigt als Paulus selbst.
Die kurze Antwort lautet: Dafür gibt es keine antike Quelle.
Junia wird im gesamten Neuen Testament nur ein einziges Mal genannt – in Römer 16,7, gemeinsam mit Andronikus. Paulus bezeichnet beide als seine „Stammverwandten“ oder Landsleute, als frühere Mitgefangene und als Menschen, die schon vor ihm zur Christusbewegung gehörten. Ob Junia und Andronikus verheiratet, miteinander verwandt oder lediglich eng verbundene Missionsleute waren, erfahren wir nicht. Noch weniger gibt es einen Beleg dafür, dass Junia Paulus’ Lebensgefährtin gewesen sei oder wirkungsvoller gepredigt habe als er.
Historisch gut begründet ist dagegen, dass Junia eine Frau war. Die zeitweilig verbreitete männliche Namensform „Junias“ ist in der Antike praktisch nicht belegt, während der Frauenname Junia häufig vorkam. Wahrscheinlich zählt Paulus Junia und Andronikus sogar zu den Aposteln: Die griechische Wendung episēmoi en tois apostolois wird am naheliegendsten mit „angesehen unter den Aposteln“ übersetzt. Eine Minderheit versteht sie zurückhaltender als „bei den Aposteln hoch angesehen“. Sicher ist jedenfalls: Paulus spricht von Junia mit außergewöhnlicher Wertschätzung
Auch diese Frage lässt sich nicht mit letzter Sicherheit beantworten. Die authentischen Paulusbriefe verraten uns nur seinen Beziehungsstatus zur Zeit ihrer Abfassung, nicht seine vollständige Lebensgeschichte.
In 1. Korinther 7,7–8 zählt Paulus sich zu den „Unverheirateten und Witwen“ und erklärt, es sei gut für sie, „so zu bleiben wie ich“. Daraus folgt: Als Paulus den Brief in der Mitte der 50er-Jahre schrieb, lebte er ohne Ehepartnerin. Ob er niemals verheiratet gewesen, verwitwet oder getrennt war, sagt der Text nicht. Das griechische Wort agamos bedeutet lediglich „unverheiratet“; es liefert keinen Familienstand für die gesamte Vergangenheit.
Paulus bevorzugte die Ehelosigkeit, erhob sie aber nicht für alle zum Gebot. Er bezeichnete unterschiedliche Lebensformen als unterschiedliche „Gnadengaben“ und gestand ausdrücklich zu, dass Heirat kein Vergehen sei. Seine Empfehlung, unverheiratet zu bleiben, hing wesentlich mit seiner Naherwartung zusammen: Für ihn war „die Zeit kurz“ und „die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1. Korinther 7,29–31). Wer ohne familiäre Verpflichtungen blieb, konnte sich nach seiner Auffassung ungeteilter auf die bevorstehende Endzeit und die Mission konzentrieren.
In 1. Korinther 9,5 fragt Paulus, ob er nicht wie Kephas und andere Apostel das Recht habe, „eine Schwester als Frau“ auf Reisen mitzunehmen. Die griechische Formulierung adelphē gynē wird gewöhnlich als „gläubige Ehefrau“ verstanden; vereinzelt wurde auch an eine christliche Mitarbeiterin gedacht. Der Zusammenhang spricht jedoch für eine Ehefrau. Paulus zählt hier Rechte auf, die ihm grundsätzlich zustünden, von denen er aber keinen Gebrauch mache (1. Korinther 9,12.15). Auch diese Passage belegt daher keine tatsächlich vorhandene Ehefrau.
Gelegentlich wird argumentiert, Paulus müsse als Pharisäer verheiratet gewesen sein. Heirat und Nachkommenschaft besaßen im antiken Judentum tatsächlich einen hohen Stellenwert. Daraus folgt jedoch keine allgemeine Pflicht, nach der jeder erwachsene Jude oder jeder Pharisäer verheiratet sein musste. Zudem stammen viele rabbinische Aussagen, auf die sich solche Behauptungen stützen, aus späterer Zeit.
Die Annahme, Paulus sei vor seinem Anschluss an die Jesusbewegung verheiratet gewesen und anschließend verwitwet oder von seiner Frau verlassen worden, ist daher möglich – aber nicht nachweisbar. Ebenso möglich ist, dass er nie geheiratet hatte. Historisch redlich bleibt nur das Urteil: Während seiner uns bekannten Missionstätigkeit lebte Paulus unverheiratet; über die Zeit davor wissen wir nichts Sicheres.
Das verbreitete Bild vom durchweg frauenfeindlichen Paulus ist zu grob. In den als authentisch geltenden Briefen begegnen zahlreiche Frauen als anerkannte Mitarbeiterinnen:
Das bedeutet allerdings nicht, dass Paulus moderne Gleichberechtigung vertrat. In 1. Korinther 11 argumentiert er weiterhin innerhalb einer patriarchalen Ordnung und stellt den Mann als „Haupt“ der Frau dar. Gleichzeitig setzt derselbe Abschnitt selbstverständlich voraus, dass Frauen in der Gemeinde öffentlich beten und prophetisch reden.
Das pauschale Schweigegebot in 1. Korinther 14,34–35 steht dazu in auffälliger Spannung. Ein gewichtiger Teil der Forschung hält diese beiden Verse deshalb für einen späteren Einschub; andere betrachten sie als paulinisch und situationsbezogen. Das noch schärfere Lehrverbot für Frauen in 1. Timotheus 2,11–15 stammt aus einem Brief, den die Mehrheit der historisch-kritischen Forschung nicht Paulus selbst, sondern einer späteren Generation seiner Schule zuschreibt. Nicht alles, was kirchlich unter dem Namen „Paulus“ über Frauen verbreitet wurde, stammt also mit gleicher Wahrscheinlichkeit von dem historischen Paulus.
Die erste erhaltene ausdrückliche Behauptung, Paulus habe eine Ehefrau gehabt, findet sich erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts bei Clemens von Alexandria. In den Stromata schreibt Clemens, Paulus habe in einem Brief seine „Gefährtin“ oder Ehefrau angesprochen und sie lediglich wegen der Belastungen für seinen Dienst nicht mitgenommen. Als Beleg zitiert er jedoch ausgerechnet 1. Korinther 9,5 – eine Stelle, in der Paulus ein Recht beansprucht, nicht das Vorhandensein einer Frau bestätigt. Clemens liefert daher kein unabhängiges historisches Zeugnis, sondern eine rund 140 Jahre spätere Auslegung des Paulusbriefes.
Eusebius von Caesarea übernahm diese Passage im 4. Jahrhundert in seine Kirchengeschichte, fügte aber kein neues Beweismaterial hinzu. Auch die im 4. Jahrhundert entstandene Langfassung des angeblichen Ignatiusbriefes an die Philadelphier zählt Paulus pauschal zu den verheirateten Aposteln. Da diese erweiterte Fassung nicht vom historischen Ignatius stammt und Jahrhunderte nach Paulus verfasst wurde, besitzt sie für dessen Biografie keinen eigenständigen Quellenwert.
Bei Origenes wird zwar ebenfalls eine Überlieferung über eine Frau des Paulus erwähnt. Auch hier handelt es sich jedoch nicht um ein Zeugnis aus dem Umfeld des Apostels, sondern um eine spätantike exegetische Tradition. Die spätere Überlieferung war zudem keineswegs einheitlich: Andere Kirchenväter, etwa Tertullian, Hieronymus und Epiphanius, hielten Paulus für unverheiratet. Das zeigt vor allem, dass schon die Alte Kirche dieselben knappen Bibelstellen unterschiedlich deutete.
Eine zweite Spekulation knüpft an Philipper 4,3 an. Dort bittet Paulus einen gnēsios syzygos, Euodia und Syntyche zu unterstützen. Syzygos kann wörtlich „Jochgenosse“, „Partner“ oder „Gefährte“ bedeuten. Daraus wurde gelegentlich eine Ehefrau des Paulus gemacht.
Grammatikalisch spricht der Text jedoch einen Mann an: Das vorangestellte Adjektiv gnēsios steht im männlichen Vokativ (gnēsie). Gemeint sein könnte ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter oder sogar ein Mann mit dem Namen Syzygos, den Paulus mit einem Wortspiel als „echten Syzygos“ anredet. Eine Ehefrau lässt sich aus der Stelle nicht gewinnen.
Junia war keine nachweisbare Gefährtin des Paulus, sondern eine eigenständige, hoch angesehene Angehörige der frühen Christusbewegung – wahrscheinlich sogar eine Apostelin. Dass sie kraftvoller als Paulus gepredigt habe, ist eine moderne Ausschmückung ohne antike Grundlage.
Für Paulus selbst gilt: Zur Zeit seiner erhaltenen Briefe lebte er unverheiratet und nahm keine Ehefrau auf seine Missionsreisen mit. Ob er früher einmal verheiratet war, bleibt offen. Ebenso unbelegbar sind Aussagen über sein gesamtes Sexualleben. Wissenschaftlich zulässig ist weder die romantische Erfindung einer Lebensgefährtin noch die ebenso fantasievolle Gewissheit lebenslanger sexueller Enthaltsamkeit.
Paulus’ Ehelosigkeit erklärt sich vor allem aus persönlicher Berufung, missionarischer Zweckmäßigkeit und der Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Weltendes. Sie taugt deshalb kaum als zeitloses Argument für einen verpflichtenden kirchlichen Zölibat. Und seine enge Zusammenarbeit mit Frauen zeigt: Der historische Paulus war widersprüchlicher und in mancher Hinsicht offener, als das später unter seinem Namen errichtete patriarchale Lehrgebäude vermuten lässt.