Friedrich Merz besitzt bekanntlich das Charisma einer feuchten Raufasertapete und die rhetorische Sogwirkung eines Telefonbuchs. Seine Reden könnten Tote aufwecken – allerdings nur, damit sie darum bitten können, das Fenster zu schließen.
Und so trat er gestern Abend vor die Kameras.
Kurz nach den ersten Prognosen, die für die CDU wenig Anlass boten, den Champagner kaltzustellen, erschien der Bundeskanzler und verkündete mit der emotionalen Wucht eines Parkscheinautomaten, das Wahlergebnis sei ein Desaster, das man nicht schönreden könne.
Donnerwetter!
Für einen kurzen Augenblick durfte man sogar hoffen, nun folge jener seltene politische Vorgang, bei dem auf das Wort „Verantwortung“ irgendeine erkennbare Konsequenz folgt.
Und tatsächlich: Friedrich Merz übernahm Verantwortung.
Mehr Verantwortung kann ein Mann offenbar kaum übernehmen.
Andere Menschen treten nach einem Desaster zurück. Friedrich Merz tritt vors Mikrofon und erklärt sein Verbleiben im Amt zur persönlichen Opfergabe. Man muss diese neue Definition politischer Verantwortung erst einmal würdigen:
„Ich übernehme die Verantwortung
– deshalb behalte ich alles.“
Was nun zu tun sei, erklärte er, erfordere „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“.
Vor allem Geduld. – Vermutlich die der Bevölkerung.
Wer nämlich gehofft hatte, eine empfindliche Wahlniederlage könne vielleicht den verwegenen Gedanken auslösen, die bisherige Politik zu überprüfen, wurde umgehend beruhigt: Die Reformen müssen kommen.
Natürlich müssen sie das.
Wenn der Patient nach der Medizin Ausschlag bekommt, Fieber entwickelt und aus dem Bett fällt, erhöht man schließlich die Dosis. Alles andere wäre unverantwortlicher Populismus.
Derjenige, der in dem Wahlergebnis ein Signal gegen eine Politik sieht, die er als soziale Kälte und als Umverteilung zugunsten Vermögender kritisiert, bekam jedenfalls keine Aussicht auf einen grundlegenden Kurswechsel präsentiert.
Die bemerkenswerte Botschaft des Abends lautete vielmehr:
Wir haben verstanden. Deshalb machen wir weiter.
Vielleicht war genau das der Sinn dieses Auftritts.
Sondern der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass Friedrich Merz bereit ist, aus einem politischen Desaster persönlich sämtliche Konsequenzen zu ziehen –
solange sich für Friedrich Merz nichts ändert.
Und so blieb am Ende eigentlich nur eine Frage:
Was war DAS denn?
Vielleicht einfach politische Verantwortung in ihrer modernsten Form: