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Der große Versöhnungstag

Jom Kippur ist der höchste und heiligste Feiertag des Judentums. Er wird am 10. Tischri begangen und bildet den Abschluss der zehn Tage der Umkehr, die mit Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, beginnen.

 

Der hebräische Name Jom ha-Kippurim bedeutet sinngemäß „Tag der Sühne“ oder „Tag der Versöhnung“.

 

Doch wer dabei an ein fröhliches Versöhnungsfest denkt, liegt daneben. Jom Kippur ist ein Tag des Fastens, des Gebets, des Schuldbekenntnisses und der Selbstprüfung. Für etwa 25 Stunden tritt das gewöhnliche Leben weitgehend zurück.

 

Es ist ein Tag der radikalen Unterbrechung.

Die biblischen Wurzeln

Die Ursprünge von Jom Kippur reichen weit in die vorchristliche Zeit zurück und liegen in der Tora. Die ausführlichste Beschreibung findet sich im 3. Buch Mose, Levitikus 16.

Dort wird ein jährlicher Sühnetag vorgeschrieben, an dem der Hohepriester ein aufwendiges Reinigungs- und Sühneritual vollziehen soll. Levitikus 16,30 fasst dessen Zweck zusammen:

 

„Denn an diesem Tag wird man für euch Sühne erwirken, um euch zu reinigen; von allen euren Sünden sollt ihr rein sein vor dem HERRN.“

 

Auch Levitikus 23,26–32 schreibt für den zehnten Tag des siebten Monats einen Tag vollständiger Ruhe und der Selbstkasteiung vor.

Mose und das Goldene Kalb

Die spätere jüdische Tradition verbindet Jom Kippur darüber hinaus mit einer der bekanntesten Erzählungen der Tora:

 

Während Mose auf dem Sinai die Gebote empfängt, fertigen die Israeliten ein Goldenes Kalb an und verehren es. Als Mose zurückkehrt, zerschmettert er aus Zorn die Gesetzestafeln. – Nach der jüdischen Überlieferung steigt Mose erneut auf den Berg und bittet um Vergebung für das Volk. Am 10. Tischri soll er mit den zweiten Gesetzestafeln zurückgekehrt sein – als Zeichen dafür, dass Gott Israel vergeben habe.

 

Diese Verbindung des 10. Tischri mit Moses Rückkehr ist rabbinische Tradition. Die Tora selbst begründet den Versöhnungstag nicht mit diesem Datum der Sinai-Erzählung.

Der Hohepriester und das Allerheiligste

Solange das Heiligtum beziehungsweise später der Tempel in Jerusalem bestand, bildete ein kompliziertes Ritual den Mittelpunkt des Versöhnungstages.

 

Nur an diesem Tag durfte der Hohepriester das Allerheiligste betreten. Zunächst musste er Sühne für sich selbst und sein Haus vollziehen. Danach folgte das Ritual für das Volk Israel.

Dabei spielten zwei Ziegenböcke eine besondere Rolle. Durch das Los wurde bestimmt:

  • Ein Bock war „für den HERRN“ und wurde als Sündopfer dargebracht.
  • Der andere war „für Asasel“ bestimmt.

Der Hohepriester legte seine Hände auf den Kopf dieses zweiten Bocks und bekannte symbolisch die Verfehlungen des Volkes. Anschließend wurde das Tier in die Wüste geschickt und trug damit sinnbildlich die Schuld aus der Gemeinschaft hinaus.

 

Die Bedeutung des rätselhaften hebräischen Wortes Asasel ist bis heute umstritten. Die Tora bezeichnet damit jedenfalls keinen bestimmten „Felsen“. Erst in späterer rabbinischer Überlieferung wurde der Bock schließlich zu einem Felsen in der Wüste geführt und von dort hinabgestoßen.

 

Aus diesem Ritual entwickelte sich auch die Vorstellung vom „Sündenbock“ – einem Wesen, dem die Schuld anderer aufgeladen wird und das diese stellvertretend forttragen soll.

Was geschah nach der Zerstörung des Tempels?

Mit der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. konnten der Opferkult und die Rituale des Hohepriesters nicht mehr fortgeführt werden. Damit verschwand Jom Kippur jedoch keineswegs.

 

Das rabbinische Judentum entwickelte die bereits vorhandenen Elemente von Gebet, Umkehr und Fasten zu einer Form weiter, die ohne Tempel und Opferkult auskam. In den Mittelpunkt rückten nun besonders:

  • Teschuwa – Umkehr und Reue
  • Tefilla – Gebet
  • Zedaka – gerechtes Handeln und Wohltätigkeit

Damit verlagerte sich der Schwerpunkt vom Opfer am Heiligtum auf die persönliche und gemeinschaftliche Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung. 

Gott um Vergebung bitten reicht nicht immer

Eine bemerkenswerte Unterscheidung der rabbinischen Tradition betrifft die Frage, wem gegenüber man schuldig geworden ist.

 

Verfehlungen zwischen Mensch und Gott können an Jom Kippur durch Umkehr und Vergebung gesühnt werden. Hat man dagegen einem anderen Menschen Unrecht getan, genügt es nicht, Gott um Verzeihung zu bitten.

Wer jemanden beleidigt, betrogen, bestohlen oder anderweitig geschädigt hat, muss sich an diesen Menschen wenden, um Entschuldigung bitten und – soweit möglich – das angerichtete Unrecht wiedergutmachen.

 

Erst dann kann von wirklicher Versöhnung gesprochen werden. Religiöse Reue ersetzt also nicht die Verantwortung gegenüber dem Geschädigten.

Das Buch des Lebens

Eine weitere rabbinische Vorstellung verbindet Jom Kippur unmittelbar mit Rosch ha-Schana, bei dem sinnbildlich das göttliche Urteil über das kommende Jahr geschrieben wird.

Die zehn Tage der Umkehr geben dem Menschen Gelegenheit zu Reue, Versöhnung und Veränderung.

 

An Jom Kippur wird das Urteil schließlich besiegelt. Daher lautet ein traditioneller Gruß in dieser Zeit:

 

„Gmar Chatima Towa!“

(Sinngemäß: „Mögest du endgültig für ein gutes Jahr besiegelt werden.“)

Kol Nidre – der ergreifende Beginn

Jom Kippur beginnt bereits am Vorabend mit einem der bekanntesten und emotional eindrucksvollsten Bestandteile:

  • Kol Nidre – aramäisch für „Alle Gelübde“.

Dabei handelt es sich streng genommen nicht um ein gewöhnliches Gebet, sondern um eine feierliche Erklärung über persönliche religiöse Gelübde und Verpflichtungen gegenüber Gott.

 

Kol Nidre hebt keine Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen auf. Man kann sich damit also keineswegs nachträglich von Verträgen, Schulden oder Versprechen gegenüber Mitmenschen befreien.

Seine traditionelle Melodie gehört für viele jüdische Menschen zu den eindringlichsten Klängen des gesamten religiösen Jahres.

Ein Tag des Bekennens

Eine zentrale Rolle spielt das Widui, das Sündenbekenntnis. – Bemerkenswert ist dabei die gemeinschaftliche Form. Es heißt nicht nur:

  • „Ich habe gesündigt.“

Vielmehr bekennt die Gemeinde:

  • „Wir haben gesündigt.“

Zu den bekanntesten Formen gehören Aschamnu und Al Chet, lange Aufzählungen menschlicher Verfehlungen.

 

Damit wird Schuld nicht ausschließlich als Privatangelegenheit verstanden. Der Einzelne begreift sich zugleich als Teil einer Gemeinschaft, die Verantwortung für ihr Handeln trägt.

Fünf Gottesdienste

Jom Kippur besitzt eine ungewöhnlich umfangreiche Liturgie. Traditionell werden fünf Gottesdienste gefeiert:

  • Maariw – das Abendgebet mit Kol Nidre,
  • Schacharit – das Morgengebet,
  • Musaf – der zusätzliche Festgottesdienst,
  • Mincha – das Nachmittagsgebet,
  • und schließlich Ne'ila, der abschließende Gottesdienst.

Während des Nachmittags wird traditionell das Buch Jona gelesen.

 

Auch diese Geschichte passt zum Thema des Tages: Menschen können ihr Verhalten ändern – und Umkehr kann Konsequenzen verändern:

Ne'ila – wenn sich die Tore schließen

Den dramatischen Höhepunkt bildet Ne'ila. – Der Name bedeutet „Schließung“.

 

In der religiösen Bildsprache stehen die Tore des Himmels beziehungsweise die Tore der göttlichen Barmherzigkeit noch einmal offen, bevor Jom Kippur endet.

  • Die letzten Gebete werden gesprochen.
  • Dann erklingt ein einziger langer Ton des Schofars.
  • Das Fasten ist beendet.
  • Aus einem Tag der Selbstprüfung wird wieder Alltag.

25 Stunden Verzicht

Traditionell dauert das Fasten etwa 25 Stunden – von kurz vor Sonnenuntergang am Vorabend bis zum Einbruch der Nacht am folgenden Tag. Doch Essen und Trinken sind nicht die einzigen Dinge, auf die verzichtet wird.

Die rabbinische Tradition kennt fünf Enthaltungen:

  • Essen und Trinken,
  • Waschen beziehungsweise Baden zum Vergnügen,
  • Salben des Körpers, heute etwa durch bestimmte Kosmetika,
  • das Tragen von Lederschuhen,
  • sexuelle Beziehungen.

Hinzu kommen die Arbeitsverbote, die in wesentlichen Punkten denen des Schabbats entsprechen. Viele Gläubige verbringen einen erheblichen Teil des Tages in der Synagoge.

Weiß statt Festtagsprunk

Viele Menschen tragen an Jom Kippur weiße Kleidung. Manche Männer tragen einen Kittel, ein schlichtes weißes Gewand.

 

Weiß kann Reinheit und Vergebung symbolisieren. Zugleich erinnert die Schlichtheit daran, dass gesellschaftlicher Rang und äußerer Besitz an diesem Tag keine Rolle spielen sollen. Jom Kippur ist gerade kein Fest des äußeren Prunks.

Fasten – aber nicht um jeden Preis

So streng das Fastengebot ist, gilt im Judentum zugleich ein noch wichtigerer Grundsatz:

  • Der Schutz von Gesundheit und Leben geht vor.

Menschen, für die vollständiges Fasten eine ernsthafte gesundheitliche Gefahr darstellen würde, sollen beziehungsweise dürfen nach jüdischem Religionsrecht nicht einfach ihre Gesundheit aufs Spiel setzen.

 

Auch Kinder fasten nicht in derselben Weise wie gesunde Erwachsene. – Der Sinn von Jom Kippur besteht nicht darin, Menschen gesundheitlich zu schädigen.

Das vielleicht unsichtbarste große Fest

Aus moderner westlicher Perspektive wirkt Jom Kippur geradezu extrem unspektakulär. Und genau darin liegt seine Besonderheit.

Andere große Feiertage werden durch Lichter, Schmuck, Musik, gemeinsames Essen, Geschenke oder öffentliche Veranstaltungen sichtbar. Jom Kippur reduziert!

  • Keine Festtafel.
  • Keine Geschenke.
  • Keine Umzüge.
  • Kein Unterhaltungsprogramm.

Das Entscheidende geschieht im Menschen selbst und in der Gemeinschaft der Betenden.

 

Das Fehlen des Essens ist dabei besonders auffällig. Fast überall auf der Welt gehört gemeinsames Essen zu den elementaren Formen menschlichen Feierns. Jom Kippur verzichtet selbst darauf. Er ist ein Fest der Reduktion auf das Wesentliche.

Die außergewöhnliche Stille Israels

Besonders eindrucksvoll wird Jom Kippur in Israel sichtbar – paradoxerweise gerade dadurch, dass beinahe nichts geschieht. Geschäfte und Restaurants bleiben weitgehend geschlossen. Rundfunk- und Fernsehprogramme werden stark eingeschränkt beziehungsweise unterbrochen, der öffentliche Verkehr kommt zum Erliegen und auch der reguläre Flugverkehr ruht. Auf den Straßen herrscht eine für ein modernes Industrieland ungewöhnliche Stille.

 

Dabei besteht kein allgemeines gesetzliches Fahrverbot für private Kraftfahrzeuge. Dass nahezu niemand fährt, beruht wesentlich auf gesellschaftlicher Konvention und Rücksichtnahme. Dadurch ist ein bemerkenswertes modernes Phänomen entstanden:

  • Straßen, Kreuzungen und selbst große Verkehrsachsen, die sonst vom Autoverkehr beherrscht werden, gehören plötzlich Fußgängern und Radfahrern.
  • Besonders Kinder und Jugendliche nutzen die autofreien Straßen zum Fahrrad- und Rollerfahren.
  • So entsteht für etwa einen Tag ein Bild, das man sonst kaum irgendwo sieht:

Ein hochmodernes Land hält inne.

Ein bemerkenswert moderner Gedanke         in einem uralten Ritual

Man muss die religiöse Vorstellung eines göttlichen Gerichts nicht teilen, um einen bemerkenswerten Gedanken hinter Jom Kippur zu erkennen.

  • Menschen machen Fehler.
  • Menschen verletzen andere.
  • Menschen können Schuld nicht dadurch ungeschehen machen, dass sie sie ignorieren.
  • Und Vergebung ist nicht dasselbe wie Vergessen.

Besonders bemerkenswert erscheint aus säkularer Perspektive die Forderung, dass ein Mensch, der einem anderen Unrecht zugefügt hat, dieses nicht allein mit seinem Gott ausmachen kann.

  • Er muss sich dem Geschädigten stellen.
  • Er muss Verantwortung übernehmen.
  • Er muss um Verzeihung bitten.
  • Und wo immer es möglich ist, muss er versuchen, den Schaden wiedergutzumachen.

Damit enthält Jom Kippur hinter seiner religiösen Sprache einen Gedanken, der weit über Religion hinausweist:

  • Versöhnung beginnt nicht mit dem Wunsch, dass einem vergeben werde.
  • Sie beginnt mit der Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

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