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Unter einem Dach aus Zweigen

Mit Sonnenuntergang beginnt heute Sukkot, das jüdische Laubhüttenfest – eines der großen und zugleich fröhlichsten Feste des Judentums.

 

Nach den ernsten Tagen von Rosch ha-Schana und Jom Kippur, die von Selbstprüfung, Umkehr und Versöhnung geprägt sind, ändert sich die Stimmung geradezu demonstrativ: Nun soll gefeiert werden.

 

Sukkot verbindet dabei zwei zunächst sehr unterschiedliche Themen:
Ernte und Natur auf der einen Seite – Exodus und Wüstenwanderung auf der anderen.

 

Und diese Verbindung erzählt viel darüber, wie religiöse Feste entstehen und sich über Jahrtausende verändern können.

Was bedeutet „Sukkot“?

Das hebräische Wort Sukkot ist der Plural von Sukka und bedeutet schlicht: Hütten. Die geben dem Fest seinen Namen.

 

Sieben Tage lang sollen Jüdinnen und Juden nach der Tora in solchen provisorischen Hütten wohnen. Levitikus 23 begründet dies damit, dass sich spätere Generationen daran erinnern sollen, dass die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten in Hütten wohnten.

 

Sukkot beginnt am 15. Tischri und dauert sieben Tage.

 

Im Jahr 5787/2026 beginnt das Fest am Abend des 25. September und endet am Abend des 2. Oktober.

 

Sukkot gehört neben Pessach und Schawuot zu den drei biblischen Wallfahrtsfesten, den Schalosch Regalim. In der Zeit des Jerusalemer Tempels waren sie mit Wallfahrten zum zentralen Heiligtum verbunden.

Zwei Geschichten eines Festes

Nach jüdischer religiöser Tradition reicht Sukkot bis in die Zeit Moses und des Exodus zurück. – Historisch-kritisch  betrachtet ergibt sich jedoch ein anderes – und ausgesprochen interessantes – Bild.

 

Das Fest dürfte älter sein als seine spätere Exodus-Deutung.

 

In einer der älteren Gesetzessammlungen der hebräischen Bibel, dem sogenannten Bundesbuch in Exodus 23, ist noch gar nicht von „Sukkot“ die Rede. Dort begegnet uns vielmehr das:

 

Chag ha-Asif – „Fest des Einsammelns“.

 

Es wird am Ende des landwirtschaftlichen Jahres gefeiert, wenn die Erzeugnisse von den Feldern eingebracht worden sind.

 

Das klingt zunächst überhaupt nicht nach Wüstenwanderung. – Es klingt nach Erntedank.

Vom Erntefest zum Laubhüttenfest

Eine plausible Erklärung für die Hütten selbst ergibt sich ebenfalls aus der Landwirtschaft:

 

Während der arbeitsintensiven Erntezeit konnten Bauern und Erntehelfer provisorische Unterstände in Weinbergen und auf Feldern benutzen, statt jeden Abend in ihre Dörfer zurückzukehren.

 

Solche Hütten werden auch andernorts in der Bibel erwähnt.

 

Im Deuteronomium heißt das Fest bereits ausdrücklich Chag ha-Sukkot – Fest der Hütten. Es bleibt aber weiterhin eng mit der Ernte verbunden. – Erst Levitikus 23 liefert ausdrücklich jene Erklärung, die heute jeder religiösen Sukkotfeier zugrunde liegt:

 

Die Menschen sollen in Hütten wohnen, damit die kommenden Generationen wissen, dass Gott die Israeliten in Hütten wohnen ließ, als er sie aus Ägypten führte.

Damit erhält ein ursprünglich landwirtschaftlich geprägtes Fest eine zweite Bedeutung:

 

Aus der Erntehütte wird eine Erinnerungshütte.

Ein Fest bekommt Geschichte

Für die historisch-kritische Bibelwissenschaft ist diese Entwicklung besonders interessant:

  • Die älteren Texte betonen die Landwirtschaft.
  • Spätere Texte verbinden das Fest zunehmend mit der Heilsgeschichte Israels.

Die genaue Entstehung und Datierung der einzelnen Textschichten ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Vieles spricht jedoch dafür, dass die ausdrückliche Verbindung des Hüttenwohnens mit dem Exodus eine spätere theologische Deutung darstellt.

 

Das ist keineswegs ungewöhnlich!

 

Religiöse Feste fallen selten fertig vom Himmel. Sie wachsen. Bräuche verändern ihre Bedeutung, neue Erklärungen kommen hinzu und alte Rituale werden neu interpretiert.

 

Sukkot bietet dafür ein geradezu lehrbuchhaftes Beispiel.

Eine merkwürdige Bemerkung                     im Buch Nehemia

Besonders aufschlussreich ist Nehemia 8:

 

Nach dem Babylonischen Exil wird dem versammelten Volk die Tora vorgelesen. Dabei stößt man auf die Vorschrift, während des Festes in Hütten zu wohnen.

 

Daraufhin werden Zweige geholt und Hütten gebaut – auf Dächern, in Höfen und auf öffentlichen Plätzen.

 

Dann folgt eine bemerkenswerte Aussage: Eine solche Feier habe es seit den Tagen Josuas nicht mehr gegeben.

 

Das bedeutet nicht zwingend, dass über Jahrhunderte überhaupt kein Sukkot gefeiert worden wäre. Andere biblische Texte kennen ein herbstliches Fest sehr wohl.

Die Passage zeigt aber, welche besondere Bedeutung das rituelle Wohnen in Hütten in der nachexilischen Zeit gewonnen hatte.

 

Spätestens jetzt ist Sukkot deutlich als jenes Fest greifbar, bei dem Ernte, Hütte und religiöse Erinnerung miteinander verbunden sind.

Als Jerusalem noch feierte

Zur Zeit des Zweiten Tempels war Sukkot keineswegs das beschauliche Familienfest, das eine Laubhütte im Garten vermuten lassen könnte. Es gehörte zu den großen Festereignissen Jerusalems.

 

Pilger strömten in die Stadt, Opfer wurden dargebracht, Prozessionen fanden statt – und einige Rituale entwickelten eine geradezu überschäumende Festlichkeit. Besonders berühmt wurde die:

 

Simchat Beit ha-Schoewa – die Freude des Wasserschöpfens

 

Wasser wurde aus der Siloah-Quelle geschöpft, in einer feierlichen Prozession zum Tempel gebracht und am Altar ausgegossen.

 

Das Ritual stand im Zusammenhang mit der Hoffnung auf den lebensnotwendigen Regen der kommenden Monate.

 

Die Mischna schildert die nächtlichen Feiern mit gewaltigen Leuchtern, Musik und Tanz. Fromme Männer tanzten mit brennenden Fackeln; Leviten musizierten mit Harfen, Leiern, Zimbeln und Trompeten. Die rabbinische Überlieferung schwärmt:

 

Wer diese Feier nicht gesehen habe, habe in seinem Leben noch keine wirkliche Freude gesehen.

 

Weiden am Altar

 

Auch Weidenzweige spielten eine besondere Rolle: Sie wurden zum Tempel gebracht und am Altar aufgestellt. An jedem Festtag zog man einmal um den Altar, am siebten Tag mehrfach.

 

Spuren dieser Tempelrituale leben bis heute weiter.

Dann verschwand der Tempel

Im Jahr 70 n. Chr. zerstörten die Römer den Jerusalemer Tempel. Damit war das Zentrum des antiken Opferkults verschwunden. Doch Sukkot verschwand nicht. Das rabbinische Judentum vollbrachte etwas, das für seine weitere Geschichte entscheidend werden sollte:

 

Es machte eine Religion, deren zentrale Rituale auf den Tempel ausgerichtet gewesen waren, auch ohne Tempel lebensfähig: Gebet, Synagoge und häusliches religiöses Leben gewannen noch größere Bedeutung.

 

Auch Sukkot wanderte gewissermaßen aus Jerusalem hinaus – in jüdische Gemeinden und Familien überall auf der Welt. Und dabei rückte ausgerechnet das einfachste Bauwerk des Festes in den Mittelpunkt:

 

die Sukka.

Eine Hütte als zeitweiliges Zuhause

Viele jüdische Familien und Gemeinden errichten bis heute eine Sukka im Garten, Hof oder – wo es möglich ist – auf einem Balkon oder einer Terrasse.

 

Sie ist ausdrücklich kein solides Gebäude. Sie soll provisorisch sein. Traditionell besitzt sie mindestens die halachisch erforderlichen Wände; besonders wichtig ist jedoch das Dach, das Schach.

 

Es besteht aus natürlichem Pflanzenmaterial, das vom Boden getrennt wurde – beispielsweise Zweigen, Schilf, Bambus oder anderem geeigneten Pflanzenmaterial.

 

Das Dach soll ausreichend Schatten spenden, ohne zu einem massiven, geschlossenen Hausdach zu werden. – Die verbreitete Vorstellung, man müsse zwingend die Sterne hindurchsehen können, beschreibt einen beliebten Brauch beziehungsweise ein Ideal – sie ist aber keine allgemeine Voraussetzung dafür, dass eine Sukka religiös gültig ist.

 

Während der Festtage wird die Hütte möglichst wie ein zeitweiliges Zuhause genutz:.

Man isst darin, empfängt Gäste, lernt, singt und verbringt Zeit miteinander. Manche schlafen auch darin, sofern Wetter, Gesundheit und örtliche Gegebenheiten dies zulassen.

 

Gerade die Zerbrechlichkeit gehört zur Symbolik: Für eine Woche verlässt man das vermeintlich sichere Haus und begibt sich unter ein Dach aus Zweigen.

Die vier Arten

Das zweite große Symbol von Sukkot sind die Arba'at ha-Minim, die „vier Arten“: Levitikus 23 nennt vier Pflanzen, die von der späteren jüdischen Tradition identifiziert wurden als:

  • Etrog – eine Zitrusfrucht,
  • Lulav – ein Palmzweig,
  • Hadassim – Myrtenzweige,
  • Arawot – Bachweidenzweige.

Üblicherweise werden ein Palmzweig, drei Myrten- und zwei Weidenzweige zusammengebunden; der Etrog wird separat in der Hand gehalten. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird häufig das gesamte Ensemble einfach Lulav genannt.

 

Während bestimmter Gebete werden die vier Arten in verschiedene Richtungen bewegt.

 

Dafür existieren unterschiedliche symbolische Deutungen. Eine verbreitete sieht darin den Hinweis darauf, dass Gottes Gegenwart nicht auf einen Ort beschränkt ist.

 

Auch die vier Pflanzen selbst erhielten im Laufe der jüdischen Auslegung zahlreiche Bedeutungen. Eine bekannte Deutung versteht ihre Verschiedenheit als Symbol für unterschiedliche Menschen, die dennoch gemeinsam eine Gemeinschaft bilden.

Hoschanot – aus dem Tempel in die Synagoge

Auch ein anderes Tempelritual hat in veränderter Form überlebt:

 

Während man einst den Altar umrundete, ziehen die Betenden heute während der Hoschanot mit ihren Feststräußen um die Bima, das Lesepult der Synagoge. Dabei werden Bittgebete gesprochen. Das Wort Hoschana bedeutet sinngemäß:

 

„Hilf doch!“ – „Rette doch!“

 

Wasser und Regen spielen dabei weiterhin eine wichtige Rolle. Das ist angesichts des Klimas des alten Israel kaum verwunderlich:

 

Nach dem trockenen Sommer entscheidet der kommende Regen über die nächste Ernte.

Hoschana Rabba – der siebte Tag

Der siebte und letzte Tag von Sukkot heißt Hoschana Rabba – „die große Hoschana“. An diesem Tag finden traditionell sieben Umzüge statt. Außerdem gibt es den alten Brauch, ein Bündel aus Weidenzweigen auf den Boden zu schlagen.

Die genaue Herkunft und ursprüngliche Bedeutung dieses Rituals ist nicht eindeutig geklärt. Spätere Traditionen haben ihm unterschiedliche symbolische Bedeutungen gegeben.

 

Hoschana Rabba besitzt zugleich einen ernsteren Unterton: In manchen jüdischen Traditionen gilt der Tag als eine Art letzter Nachhall der Gerichtsthematik von Rosch ha-Schana und Jom Kippur.

 

Damit schließt sich der Kreis der hohen Feiertage.

Freude als religiöses Gebot

Das vielleicht Überraschendste an Sukkot ist: Freude ist hier nicht bloß erwünscht – sie wird geboten. Im Deuteronomium heißt es:

 

„Du sollst dich an deinem Fest freuen.“

Sukkot wird deshalb auch Sman Simchatenu, „Zeit unserer Freude“, genannt.

 

Diese Freude ist jedoch keineswegs regellos. Im Gegenteil:

 

Kaum ein Fest verbindet ausgelassene Freude so deutlich mit einem ausgefeilten System religiöser Vorschriften. - Ein ganzer Traktat der Mischna und des Talmuds – Sukka – beschäftigt sich mit Fragen wie:

  • Wie hoch darf eine Sukka sein?
  • Wie muss ihr Dach beschaffen sein?
  • Wann ist ein Etrog geeignet?
  • Wie werden die vier Arten gehalten?
  • Was geschieht, wenn es regnet?

Jüdische Festfreude und religiöses Regelwerk bilden hier keinen Gegensatz: Die Freude vollzieht sich innerhalb des Rituals.

Gäste in der Hütte

Gastfreundschaft gehört seit jeher zum Charakter von Sukkot. Eine besondere Tradition entstand im mittelalterlichen mystischen Judentum:

 

die Uschpisin, aramäisch für „Gäste“.

 

Symbolisch werden an den sieben Abenden große Gestalten der biblischen Tradition in die Sukka eingeladen:

 

Abraham, Isaak, Jakob, Josef, Mose, Aaron und David. In manchen modernen jüdischen Traditionen wird diese Reihe durch bedeutende Frauen ergänzt oder erweitert. Doch neben den symbolischen Gästen gibt es selbstverständlich die wirklichen.

 

Familie, Freunde, Nachbarn und Fremde gemeinsam an den Tisch zu bitten, passt besonders gut zu einem Fest, dessen Zuhause nur aus ein paar Wänden und einem Dach aus Zweigen besteht.

Und was ist mit Simchat Tora?

Nach den sieben Tagen von Sukkot folgt Schmini Azeret, der „achte Tag der Versammlung“. Er ist religionsrechtlich ein eigenständiger Feiertag, auch wenn er unmittelbar an Sukkot anschließt.

 

Mit ihm verbunden entwickelte sich Simchat Tora, die „Freude an der Tora“.

 

Dabei wird der jährliche Zyklus der Tora-Lesungen beendet und unmittelbar wieder mit dem ersten Kapitel der Genesis begonnen.

 

Die Torarollen werden in feierlichen und oft ausgelassenen Prozessionen durch die Synagoge getragen.

 

In Israel fallen Schmini Azeret und Simchat Tora auf denselben Tag; in der Diaspora – also auch in Deutschland – werden sie traditionell an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gefeiert.

Sukkot heute

So hat sich ein Fest, das wahrscheinlich einmal wesentlich durch den landwirtschaftlichen Jahreslauf geprägt war, über Jahrtausende immer wieder verändert:

  • Erntefest.
  • Wallfahrtsfest.
  • Tempelfest.
  • Erinnerung an den Exodus.
  • Familienfest in der Sukka.

Keine dieser Bedeutungen musste die vorherige vollständig verdrängen. Sie lagerten sich übereinander.

 

Gerade darin zeigt sich die erstaunliche historische Anpassungsfähigkeit jüdischer Tradition.

Ein zerbrechliches Dach über dem Kopf

Auch wer die religiöse Deutung des Festes nicht teilt, kann in Sukkot einen bemerkenswert zeitgemäßen Gedanken entdecken.

 

Eine Woche lang wird das solide Haus gegen eine provisorische Hütte eingetauscht. Das feste Dach weicht Zweigen. Die scheinbare Sicherheit wird bewusst relativiert. Und gerade dort soll der Mensch Freude empfinden.

 

Das lässt sich auch säkular lesen:

 

  • Unser Wohlstand ist nicht selbstverständlich.
  • Unsere Sicherheit ist nicht selbstverständlich.
  • Eine gute Ernte ist nicht selbstverständlich.
  • Ein Dach über dem Kopf ist nicht selbstverständlich.
  • Und Gemeinschaft ist ebenfalls nicht selbstverständlich.

Vielleicht liegt gerade darin der eigentümliche Reiz dieses uralten Festes:

 

Sukkot feiert nicht die Sicherheit. Es feiert das Leben im Bewusstsein seiner Zerbrechlichkeit.

 

In diesem Sinne unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern:

 

Chag Sukkot Sameach

 Ein frohes Laubhüttenfest!

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letzte Updates:

25. September 2026

Eine Woche unter einem Dach aus Zweigen.

Mit Sukkot, dem jüdischen Laub-hüttenfest, endet die ernste Zeit von Rosch ha-Schana und Jom Kippur – und nun wird Freude ausdrücklich zum religiösen Gebot.

  • Doch warum verlassen Men-schen ihre festen Häuser, um in einer provisorischen Hütte zu essen und zu feiern?
  • Was haben Palmzweig, Myrte, Weide und eine merkwürdige Zitrusfrucht damit zu tun?
  • Und war Sukkot ursprünglich vielleicht gar kein Erinnerungsfest an die Wüstenwanderung, sondern schlicht ein uraltes Ernte-fest?

Vom antiken Jerusalemer Tempel-fest bis zur Sukka im heutigen Vorgarten:

23.09.2026

20.09.2026

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Auf "Null gesetzt"
am 01.01.2025

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